Kirche

Christen im Gesundheitswesen

Der Verein aus Aumühle unterstützt medizinische Mitarbeiter spirituell und organisiert Patienten-Gottesdienste

Georg Schiffner hat Visite. Der Chefarzt im katholischen Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand tritt an das Bett eines 88-jährigen Patienten. Der ist gebrechlich, hat fortgeschrittene Demenz, und ständig verlangt er nach seiner Mutter. Da fragt ihn der Arzt, was sonst Mediziner nicht so häufig tun: "Haben Sie Gottvertrauen?" Der Patient antwortet: "Ich habe gebimmelt." Ja, er habe früher die Kirchenglocken geläutet, lässt er Georg Schiffner wissen. Der Arzt fragt: "Darf ich Ihnen den Segen Gottes zusprechen." Der Patient nickt. Und dann betet der Chefarzt langsam und laut den Aaronitischen Segen aus der Bibel. Nach dem "Amen" legt sich der Patient zurück und scheint, still und ruhiger als zuvor, in seine eigene Gedankenwelt zurückzukehren.

Für Dr. Georg Schiffner, Leiter des Geriatriezentrum und Palliativbereichs, gehört das Gebet mit Patienten, aber auch mit seinen Mitarbeitern und Kollegen zum Berufsalltag. Der Facharzt leitet eine bundesweite ökumenische Initiative von Pflegenden, Ärzten, Therapeuten, Seelsorgern und Sozialarbeitern. Die Organisation mit bundesweit 120 ehrenamtlichen Mitarbeitern und einem Netzwerk von 9000 Christen bezeichnet das, was die professionellen und spirituellen Mitarbeiter sind: "Christen im Gesundheitswesen". Der Verein mit Sitz im schleswig-holsteinischen Aumühle hat das Ziel, Christen bei ihrer Arbeit am Krankenbett zu unterstützen und Patienten spirituell zu begleiten. "Unsere Arbeit beruht auf dem christlichen Menschenbild, das moderne wissenschaftliche Erkenntnisse einbezieht", sagt Günther Gundlach, Geschäftsführer des 1986 gegründeten Vereins. Neben der körperlichen, psychischen und sozialen Dimension des Menschseins werde auch die Beziehung zu Gott berücksichtigt, betont er.

In einer Harvestehuder Villa trifft sich regelmäßig das Leitungsteam des Vereins. Im Wohnzimmer, vor einer Bücherwand mit Romanen der Weltliteratur, geht es um die Redaktion einer neuen Ausgabe der Zeitschrift "ChrisCare –Magazin für Spiritualität und Gesundheit" und die nächsten Patientengottesdienste in Hamburg. Alle kennen sich seit vielen Jahren und haben die Vision einer "christlich fundierten Heilkunde". Georg Schiffner hat darüber mehrfach wissenschaftlich publiziert. "Glaube", davon ist er überzeugt, "kann ein positiver Gesundheitsfaktor sein." Er mache Mut, schenke Hoffnung, Perspektive, Heil, aber nicht zwingend Heilung von Krankheit. Patienten hätten ihm auch von Wundern berichtet. Dass jemand mit negativer Prognose tatsächlich gesund wurde.

Neben ihm im Leitungsteam sitzt Bettina Gundlach, Amtsärztin im Sozialpsychiatrischen Dienst in Geesthacht. Die Katholikin arbeitet deshalb in dem Netzwerk mit, weil sie gemeinsam mit anderen Christen Medizin und Glaube authentisch verbinden möchte. Häufig muss sie für einen kranken Menschen gravierende Entscheidungen treffen. Einweisung in die Psychiatrie, Gutachten für Gerichte schreiben. Es ist eine Arbeit, die an die Substanz geht. Das Netzwerk Christen im Gesundheitswesen e. V. stärke die Selbstfürsorge, sagt sie. Dass man auf sich aufpassen muss und nicht dauernd über die eigenen Kräfte lebt. "Sich hinzugeben bedeutet nicht, sich wegzugeben", sagt sie und bringt Gott ins Spiel. "Wir sollten uns zuerst von Gott lieben lassen und dann seine Liebe weitergeben."

Bettina Gundlach beginnt ihren Tag mit einem kurzen Gebet. Das kann auch im Auto sein, in dem sie still um Gottes Hilfe bittet. Sie rät anderen Christen, die in Kliniken arbeiten, "heilige Pausen" einzulegen und "einen Termin mit sich selbst zu haben". Das gebe Kraft, sich danach neu den Anforderungen im Beruf zu stellen.

Auf einem alle zwei Jahre stattfindenden Christlichen Gesundheitskongress kommt es zum breiten Erfahrungsaustausch. Im vergangenen Jahr trafen sich die Teilnehmer aus ganz Deutschland in Kassel. Es ging unter anderem darum, wie Kirchengemeinden Gesundheit fördern und ihren "Heilungsauftrag wahrnehmen" können. Mit dabei war auch der Hamburger Urologe Volker Brandes, der dem Vorstand des Vereins angehört. Er ist überzeugt: "Das Gesundheitswesen und die Medizin brauchen den Impuls der Kirche und des Glaubens."

Es ist Sonntagabend, ökumenischer Patienten-Gottesdienst in der Jenfelder Friedenskirche. Patienten, Ärzte, Therapeuten und Pflegende sitzen nebeneinander, gemeinsam im Glauben an Jesus Christus vereint. Christen im Gesundheitswesen organisieren seit Jahren solche Gottesdienste wie diesen. Sie sind nicht nur für Patienten, sondern auch für Ärzte eine "Wohltat", sagt Anne-Marie Stüven, Fachärztin für Allgemeinmedizin.

Dann berichten Patienten vor dem Altar in einzelnen Interviews von ihren Erfahrungen mit Gott. "Das ist eine Ermutigung für Menschen in gesundheitlichen Nöten", sagt Pastor Thies Hagge von der Friedenskirche in Jenfeld. Zum Abschluss gibt es immer ein Segnungsgebet und eine Krankensalbung. Viermal im Jahr lädt die ökumenische Initiative zu den Patientengottesdiensten in Hamburg ein, die von 150 bis 200 Teilnehmern besucht werden. "Wir möchten kranke Menschen ermutigen, neben den Möglichkeiten der modernen Medizin auch die Impulse des christlichen Glaubens in Anspruch zu nehmen", sagen die Organisatoren.

ÖkumenischePatienten-Gottesdienste finden am 17. März (Hauptkirche St. Petri), 26. März (ev.-luth. Kirchengemeinde Sittensen) und am 14. Mai (St.-Marien-Dom) statt. Außerdem organisiert der Verein "Wochenenden für Kranke und Angehörige". Eine solche Veranstaltung ist für Oktober im Kloster Nütschau geplant. Das Thema: "Gesunder Umgang mit der Krankheit – Schritte der Heilung gehen".Christen im Gesundheitswesen e. V., Bergstraße 25, 21521 Aumühle, Tel. 04104/917 09 30.
E-Mail: info@cig-online.de. www.cig-online.de

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