Behinderten-Sport

Willkommen im inklusiven Team

Greta Blunck träiniet mit ihren Hockies beim Club an der Alster

Foto: Michael Rauhe

Greta Blunck träiniet mit ihren Hockies beim Club an der Alster

Hockey-Legende Greta Blunck trainiert "Die Hockies". Bei ihnen geht es nicht um Punkte, sondern nur um Spaß.

Wenn Johnny angerannt kommt, weichen die anderen Hockeyspieler etwas zurück. Johnny ist zwar erst 14, aber stark, schnell und impulsiv. Vor drei Jahren hat er erst mit dem Teamsport angefangen, aber er gehört schon jetzt zu den Leistungsträgern der Mannschaft, die sich "Die Hockies" nennt. Bis dahin hatte Johnny sich kaum für Sport interessiert und die ersten Male musste er von seiner Mutter Thi Thu Nguyet immer überredet werden, sonnabends zum Training in den Club an der Alster zu kommen. "Doch dann hat er gemerkt, dass er hier Freunde trifft, die gerne mit ihm reden, die ihn akzeptieren – und dass er gut mit dem Schläger umgehen kann. Jetzt will Johnny immer kommen, sogar wenn er krank ist", sagt die Vietnamesin.

Es hat allerdings einige Monate gedauert, bis Johnny verstand, dass er den Schläger nach unten halten muss, da dieser sonst auch eine gefährliche Waffe sein kann. Denn Johnny ist geistig behindert wie fast alle Mitglieder seiner Mannschaft, die es in unterschiedlicher Besetzung seit 26 Jahren gibt. Trainiert werden die 25 Hockies von der Hockey-Legende Greta Blunck (79) und dem Philosophie-Lehrer Sven Neuwerk (59). Die ehemalige Hockey-Nationalspielerin hat schon die Damen-Nationalmannschaft und die Frauen-Auswahl trainiert, sie gibt immer noch jeden Tag Kindern Unterricht, aber die Hockies sind ihr ganz besonders ans Herz gewachsen. Und es ist die Mannschaft, die sie von allen am längsten trainiert. "Diese intensive Freude über ein Tor, diese riesige Begeisterung und auch die Toleranz untereinander reißen mich immer mit. Das ist eine etwas andere Welt, diese Jungen und Mädchen sind so viel direkter, das mag ich", sagt Blunck. So wird sie zu Beginn immer von Timo, der das Down-Syndrom hat, herzlich umarmt. Überhaupt werden die Trainer sehr von den Spielern verehrt. "Für meine Söhne Christian und Philipp sind Greta und Sven Teil ihrer Familie. Die lieben sie und ihre unkomplizierte Art", sagt Uwe Michelsen am Spielfeldrand.

Bei dieser Mannschaft geht es nicht um raffinierte Taktik, intensive Trainingseinheiten oder Punkte, sondern rein um die Freude am Spiel. Und die haben sichtbar alle. So sind die Zwillingsbrüder Christian und Philipp (35) schon seit 20 Jahren dabei und rennen auf dem Platz hin und her, als ginge es um ihr Leben. "Die beiden sind sehr wichtig für die Mannschaft, sie haben eine hohe emotionale Kompetenz", sagt Sven Neuwerk und schaut im nächsten Moment etwas besorgt auf Christian, der von Oktavius gerade brutal umgehauen wurde. Während der Trainer Christian tröstet, hält Greta Blunck ein kurzes Zwiegespräch mit ihrem Kapitän Oktavius. Dann sagt sie: "Bei Oktavius geht gern mal der Puls hoch. Es ist jedoch ganz wichtig, die Aggressivität, die manche haben, in den Griff zu bekommen." Ebenso wie die unterschiedlichen Körpergrößen. Deswegen gibt es besondere Regeln. Johnnys Schwester Lena spielt auch mit im Team und wenn sie den Ball hat, darf kein anderer sie angreifen – so lautet die Abmachung und alle halten sich daran. Denn Lena ist erst acht Jahre alt und zierlich und "genau wie der Bruder ziemlich talentiert", wie Greta Blunck bemerkt.

Sie gründete die Mannschaft 1991 gemeinsam mit Ingrid Körner. Die heutige Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen war damals noch im Vorstand bei der Lebenshilfe Hamburg. Für ihren Verein, aber vor allem auch für ihre Tochter, die das Down-Syndrom hat, suchte sie damals eine Mannschaft. Und Greta Blunck hatte Lust, es einmal mit diesen Jungen und Mädchen mit Handicap zu versuchen. "Aber alleine ging das nicht, da sind auch immer wieder Autisten unter den Spielern, die auch mal weglaufen." Deswegen kam kurz darauf Sven Neuwerk dazu. "Er ist der Liebe, ich bin die etwas Burschikosere", sagt Blunck lachend. Und Neuwerk erzählt, dass er einen Spieler betreut, mit dem er nach dem Training immer noch mal allein spielt, "weil der nicht so gerne Menschen um sich hat".

Die Lebenshilfe und ihre beiden engagierten Trainer erhielten für ihre Arbeit mit den Hockies dieses Jahr den Werner-Otto-Anerkennungspreis im Behinderten-Sport. Denn neben dem Training, das sogar die Ferien durchgeht, organisieren Greta Blunck und Sven Neuwerk Feiern, Ausflüge und auch immer wieder den Austausch mit anderen Hockey-Mannschaften. Die Hockies nehmen an den Hamburger Special Olympics teil, spielen einmal im Jahr ein Hallenturnier und 2016 gab es erstmals ein Inklusionsturnier mit vier verschiedenen Clubs. Davon schwärmt Greta Blunck noch heute. Da hätten Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsame Mannschaften gebildet und "hinterher fragten die Kinder ohne Behinderung, wann das nächste Turnier sei. Die waren begeistert."

Für Christian und Philipp sei das Training ein wichtiger Teil ihres Lebens neben der Arbeit, sagt ihr Vater. "Das Spielen hat ihnen viel Selbstbewusstsein gebracht, weil sie merken, dass sie etwas für ihre Mannschaft leisten können. Und für uns alle ist das eine große Hilfe, wir werden als Familie damit sehr unterstützt", so Uwe Michelsen. Plötzlich gibt es großen Jubel auf dem Platz. Johnny hat ein Tor geschossen.

Infos: www.lebenshilfe-hamburg.de

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