Stiftung SeeYou

Babylotsen bieten Hilfe beim Start ins Familienleben

Seckin mit seinem Sohn Devin Can. Er und seine Frau wurden von den Babylotsen unterstützt

Foto: See You

Seckin mit seinem Sohn Devin Can. Er und seine Frau wurden von den Babylotsen unterstützt

Seit zehn Jahren gibt es die Babylotsen der Hamburger Stiftung SeeYou. Sie begleiten Schwangere vor und nach der Geburt ihres Kindes.

Hamburg. Die Freude über die Schwangerschaft weicht mit jedem Tag der Angst vor dem nahenden Termin: "Wird die Geburt schiefgehen, weil ich die Anweisungen der Hebammen und Ärzte nicht verstehe?", fragt sich Sibel aus Hamburg immer häufiger. Die 29-Jährige ist gehörlos, ihr Ehemann Seckin schwer hörgeschädigt. Eine Gebärdendolmetscherin könnte bei der Geburt helfen, doch die Suche des jungen Paares läuft ins Leere – auch weil es nicht weiß, wie es die Hilfe bezahlen soll. Sorgen machen sich die beiden auch, weil sie keine geeignete Nachsorgehebamme finden. Und wie können sie ihr Baby fördern, wenn es hörend auf die Welt kommt?

Bei der Anmeldung zur Geburt in der Asklepios Klinik Nord hat Sibel viele Fragen rund um die Geburt und große Angst, dass ihre Wünsche in der Klinik nicht wahrgenommen werden. Doch die Hebamme erkennt die Probleme und informiert das Team der Babylotsen, die ein Büro vor Ort haben. Babylotsin Tina Wilson nimmt sofort Kontakt zu dem jungen Paar auf. Gemeinsam mit Sibel und Seckin organisiert sie eine Gebärdendolmetscherin für die Geburt, klärt die Kostenübernahme mit der Krankenkasse, gibt Infos über mögliche Anträge wie Kinder- und Elterngeld und erledigt Telefonate, die das Paar allein nicht führen kann. Jetzt fühlen sich die jungen Eltern gut aufgehoben und sind bereit für den großen Tag.

Kinderarzt hat Programm Babylotse entwickelt

Seit 2007 gibt es das Programm Babylotse, entwickelt von dem Kinderarzt und Geschäftsführer Dr. Sönke Siefert der Stiftung SeeYou – Familienorientierte Nachsorge Hamburg –, die zum Kinderkrankenhaus Wilhelmstift gehört. Am Donnerstag feierte das Projekt seinen zehnten Geburtstag im angegliederten Patrizia Kinderhaus.

Das Marienkrankenhaus Hamburg war damals die erste Geburtsklinik mit Babylotsen. Inzwischen gibt es Babylotsen an fast allen Hamburger Kliniken und an insgesamt 31 Standorten in sieben Bundesländern. Für die Familien ist das Programm freiwillig und kostenfrei. Finanziert wird es in der Hansestadt von der Gesundheitsbehörde. Die Hamburger Babylotsen erreichten 2016 rund 1800 Familien und arbeiten derzeit mit 14 Arztpraxen und mehr als 400 Netzwerkpartnern der Frühen Hilfen zusammen. Sie haben ein gemeinsames Ziel: Hilfe vor allem für sozial und psychisch belastete Familien. "Wir sind jedoch für alle Schwangeren da", sagt die Landeskoordinatorin des Programms, Nicole Hellwig.

Die Babylotsen stehen schon vor der Geburt bereit und bieten Familien die Unterstützung an, die sie benötigen, damit der Start ins Familienleben gelingt. Dabei sind die Hilfen ganz unterschiedlich. "Die Hauptprobleme, mit denen wir konfrontiert sind, sind die finanzielle Versorgung des Kindes, postnatale Depressionen und Partnerschaftskonflikte", sagt Babylotsin Tina Wilson, die seit vier Jahren bei dem Projekt ist. "Unsere Aufgabe ist es, die bestehenden Angebote und Möglichkeiten, die es in der Stadt gibt, auszuloten, zu vermitteln oder direkten Kontakt herzustellen", sagt Tina Wilson.

Gebärdendolmetscherin hilft bei der Geburt

Für die erfahrene Sozialpädagogin waren die Schwierigkeiten der hörgeschädigten Eltern allerdings schon besonders. "Sonst telefoniere ich viel mit den Familien, doch hier ging das nicht. Unser Kontakt lief hauptsächlich über E-Mails in einfacher Sprache."

So klappt die Geburt mithilfe der Gebärdendolmetscherin reibungslos. Doch das Stillen des kleinen Devin Can bereitet der jungen Mutter große Schwierigkeiten. Zum Glück hat Tina Wilson noch vor der Geburt den Kontakt zur einer Stillberaterin, die mit einer Gebärdendolmetscherin zusammenarbeitet, hergestellt. Sibel erhält Hilfe, und nach nur wenigen Tagen trinkt Devin Can problemlos an der Brust. Eine geeignete Nachsorgehebamme kümmert sich in der ersten Zeit um die junge Familie und auch ein Rückbildungskurs sowie eine Frühfördereinrichtung findet Tina Wilson für die Eltern. Nach vier Wochen ist ihr Einsatz beendet.

"Das ist länger als sonst. Aber unser Engagement ist ganz unterschiedlich. Manchmal reichen zwei Anrufe, bei anderen bin ich tagelang dabei, Informationen und Angebote zusammenzutragen", sagt die Mutter dreier Kinder. Sie ist inzwischen von der stationären Betreuung am Heidberg-Klinikum in die ambulante gewechselt und arbeitet nun direkt mit den Gynäkologie- und Kinderarztpraxen zusammen. Durchschnittlich betreut sie 20 Familien gleichzeitig. Während sprachliche Schwierigkeiten, eine fehlende Krankenversicherung und finanzielle Sorgen häufiger in Migrantenfamilien vorkommen, haben andere Mütter Sorgen wegen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Schwierigkeiten, eine Hebamme für das Wochenbett zu finden. "Wir stellen uns ganz individuell auf die Familien ein. Die Monate rund um die Schwangerschaft sind eine sehr intensive Zeitspanne, an der wir teilhaben dürfen und mit der wir sensibel umgehen müssen. Ich finde diese Arbeit einfach wunderbar", sagt die Babylotsin.

Das Jugendamt wird in Ausnahmefällen verständigt

Die meisten der derzeit zwölf Babylotsen sind entweder Sozialpädagoginnen, Sozialarbeiterinnen oder Hebammen mit einer Zusatzqualifikation. Für das Projekt erhalten sie von SeeYou eine mehrtägige Weiterbildung. "Babylotsinnen müssen sehr kontaktfreudig, empathisch, gut organisiert und vernetzt sein", sagt Programm-Koordinatorin Nicole Hellwig.

Und sie müssen auch handeln und das Jugendamt verständigen, wenn das Kindeswohl zum Beispiel durch Sucht- oder Gewaltprobleme in der Familie gefährdet ist. "Das passiert selten, aber uns ist ganz wichtig, dass die Eltern Bescheid wissen, dass wir das Jugendamt informieren. Wir begleiten die Eltern auch dahin, wenn sie das wollen", so Nicole Hellwig.

Manche – vor allem alleinerziehende Mütter – seien oft auch dankbar für das Angebot einer sozialpädagogischen Familienhilfe. "Wir versuchen, den Müttern und Vätern die Hemmungen vor den Ämtern zu nehmen. Denn unser Ziel ist es ja, präventiv zu arbeiten, Probleme schon vor der Geburt aufzuzeigen und zu lösen – und nicht erst, wenn das Kind da ist."

Die Stiftung SeeYou ist ständig auf der Suche nach Babylotsen. Es gibt immer wieder schwangerschaftsbedingte Ausfälle unter den Mitarbeiterinnen. "Die Arbeit in Geburtskliniken scheint ansteckend zu sein", sagt Hellwig lachend.

Informationen zu den Babylotsen unter www.babylotsen.de

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