Vielstimmig

Preisgekrönter Roman über ewige Gewalt auf Jamaika

Der Schriftsteller Marlon James mit dem Man Booker Prize in London (2015).

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Der Schriftsteller Marlon James mit dem Man Booker Prize in London (2015).

Ein realer Mordanschlag im Wahlkampf der Karibikinsel Jamaika bildet des Ausgangspunkt für dem preisgekrönten Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden". Geschrieben hat ihn Marlon James. Mittendrin: der Reggae-Star Bob Marley.

Berlin. Kingston, Hauptstadt der Karibikinsel Jamaika, im Dezember 1976. Die innenpolitischen Spannungen zwischen den Parteien werden immer gewalttätiger. Ein kostenloses Konzert soll die Menschen wieder miteinander versöhnen.

Dann geschieht des Unfassbare: Eine Gruppe Bewaffneter stürmt in das Haus von Jamaikas berühmtestem Sänger Bob Marley und schießt auf ihn und seine Band.

Dieser Überfall wurde zum festen Teil der jamaikanischen Geschichte. Und er bildet auch den Ausgangspunkt für den Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden", für den der Schriftsteller Marlon James zahlreiche Ehrungen erhalten hat, darunter den Man Booker Preis, eine der renommiertesten Auszeichnungen für Romane in der englischsprachigen Welt.

In einer aus vielen Stimmen zusammengesetzten Erzählung schildert der Jamaikaner Marlon James die Vor- und Nachgeschichte des Überfalls. Für Bob Marley selbst bedeutete der Mordversuch, dass er unmittelbar nach dem Konzert für mehrere Jahre seine Heimat verließ. Am Grundproblem, den gesellschaftlichen Problemen der Insel, änderte sich jedoch nichts.

"Die Toten hören nie auf zu reden", philosophiert eine der mehr als 70 Stimmen, aus denen der Roman zusammengesetzt ist, ganz am Anfang der Erzählung. Sie gehört dem Kolonialpolitiker Sir Arthur George Jennings, einer Fantasiefigur, die sich aus dem Grab immer wieder zu Wort meldet. "Vielleicht weil der Tod nicht der Tod ist, sondern so etwas wie Nachsitzen in der Schule." Die Toten und ihr Schicksal sind stets präsent und vermischen Vergangenheit und Gegenwart.

Schon bald wird klar, dass der Überfall auf Bob Marley zwar der Ausgangspunkt des Romans ist, nicht jedoch sein Kern. In fünf großen Abschnitten, die alle nach populären Songs aus der Zeit der jeweiligen Handlung benannt sind, schildert der Roman vielmehr das Schicksal der Männer, die den Überfall ausgeführt haben. Bis in die frühen 90er Jahre zieht sich die Handlung, bis auch der letzte Schütze sein Ende gefunden hat. Alle sterben einen gewaltsamen Tod.

Aber auch diese Männer sind nur Figuren in einem Spiel, das sie nicht bestimmen können. Auch sie sind nur Opfer einer Gesellschaft, in der sich jeder nimmt, was er will, ohne Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen und die vor allem von zwei zentralen Kräften beherrscht wird: Gewalt und Drogen.

James spannt einen weiten Bogen von der jamaikanischen Kolonialzeit bis in die 90er Jahre, in denen die USA längst den größten Einfluss auf die Vorgänge auf der Insel bekommen haben. So ist es denn auch keine Überraschung, dass der Kampf amerikanischer Drogenhändler untereinander auch den Jamaikanern zum Verhängnis wird.

"Eine kurze Geschichte von sieben Morden" ist natürlich ein ironischer Titel für einen Roman von über 800 Seiten, aber angesichts der vielen Verbrechen, die James bisweilen mit zahlreichen grausamen Details schildert, und der vielen, die allenfalls angedeutet werden, lässt sich herleiten, dass die Geschichte des Romans ohne weiteres auch mehrere tausend Seiten hätte erzählt werden können, ohne sich zu wiederholen.

Neben seiner Thematik besticht "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" auch durch seine Konstruktion. Zahlreiche Figuren tauchen auf und erzählen Teile der Geschichte aus ihrer Sicht. Es gibt keine zentrale Stimme, der die anderen als Ergänzung beigefügt werden. Die Erzähler bilden einen vielstimmigen Chor, der keinesfalls immer harmonisch daherkommt. Leider lässt sich in einer deutschen Übersetzung die sprachliche Vielfalt der Erzähler nur teilweise nachvollziehen.

Zu den besonderen Qualitäten des Romans gehört nicht nur, dass man nie weiß, wie es weitergeht, sondern auch nicht, aus welcher Perspektive weitererzählt wird. Außerdem spielt James geschickt mit Realität und Erfindung. Nur wer sich mit Jamaika wirklich auskennt, kann erkennen, welche Figur erfunden ist und welche auf einer realen Vorlage beruht. So wird Bob Marley nie namentlich genannt, aber es ist klar, dass nur er "der Sänger" sein kann.

"Eine kurze Geschichte von sieben Morden" hat Marlon James, Jahrgang 1970, zu einer international bekannten Autor und dem wohl renommiertesten Schriftsteller Jamaikas gemacht.

- Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden. Wilhelm Heyne Verlag, München, 853 Seiten, 27,99 Euro, ISBN 978-3-453-27087-9.

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