Strahlkraft für alle?

Bund steigt bei Berliner Philharmonikern ein

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble l-r), Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nach der Unterzeichnung des Hauptstadtfinanzierungsvertrages.

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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble l-r), Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nach der Unterzeichnung des Hauptstadtfinanzierungsvertrages.

"Die Berliner Philharmoniker sind die Berliner Philharmoniker. Und da legen wir auch Wert darauf", so das Credo von Berlins Regierendem Bürgermeister. Doch jetzt bekommt auch der Bund was vom Glanz des Weltklasse-Ensembles ab.

Berlin. Drei Anläufe waren nötig, aber jetzt ist es soweit. Der Bund wird künftig bei den weltberühmten Berliner Philharmonikern mit den Ton angeben.

7,5 Millionen Euro aus der Bundeskasse sollen von 2018 an dauerhaft an das Spitzenorchester fließen - etwa ein Drittel der Förderung, die bisher allein das Land Berlin stemmte.

"Sie sehen hier in der Tat eine strahlende Kulturstaatsministerin", jubelt Ressortchefin Monika Grütters (CDU) am Montag bei der Unterzeichnung des neuen Hauptstadtfinanzierungsvertrags. "Von der Strahlkraft der Hauptstadt profitiert das ganze Land. Was hier kulturell gelingt, kommt auch dem ganzen Land zugute."

Fast zwei Jahre war um die Vereinbarung mit dem sperrigen Titel gerungen worden. Sie regelt, wieviel Geld Berlin für die Erfüllung von besonderen Hauptstadtaufgaben bekommt. Der jetzige Zehn-Jahresvertrag läuft Ende 2017 aus.

Mit dem Wunsch nach einem Einstieg bei den Philharmonikern hatte Grütters schon früh für Wirbel gesorgt. Dem Land wäre es lieber gewesen, die Staatsoper Unter den Linden an die höhere Ebene abzutreten. Doch die Idee stieß bei Grütters auf Granit.

Nun also ein Kompromiss. Neben dem Bundeszuschuss für die hochgelobten Philharmoniker gibt es zehn Millionen Euro für die Opernstiftung, das gemeinsame Dach der drei Berliner Opernhäuser.

"Ein Beteiligung des Bundes an diesen international renommierten Kultureinrichtungen ist von großer Bedeutung für die internationale Attraktivität Berlins", lobt der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Freilich: Das Geld kommt keineswegs ungeschmälert der Kunst zugute. Erstes Ziel ist, die klamme Hauptstadt finanziell zu entlasten. Insgesamt gibt es für die drei Bereiche Kultur, Innere Sicherheit und Infrastruktur zwei Milliarden Euro über zehn Jahre - unter dem Strich springen 50 Millionen Euro Entlastung im Jahr für Berlin heraus.

Für die Philharmoniker allerdings gibt es eine Sonderklausel. Mindestens 3 Millionen des zusätzlichen Geldsegens von 7,5 Millionen Euro sollen bei ihnen ankommen, weitere 500 000 Euro gehen an die Orchester-Akademie zur Ausbildung von Nachwuchs. Damit darf das Land Berlin höchstes 4,5 Millionen Euro beim Eigenanteil für das Orchester kürzen. Dafür beansprucht der Bund einen Sitz im Stiftungsrat der Philharmoniker. Budgetfragen können damit nicht mehr gegen ihn entschieden werden.

Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann dankt allen Beteiligen für ihre Unterstützung. "Wir nehmen die Zuwendung gern entgegen. Sie hilft uns, unseren kulturpolitischen Auftrag weiter zu erfüllen", sagt er auf Anfrage. So seien jetzt Konzertreisen möglich, die zuvor aus finanziellen Gründen nicht vertretbar gewesen wären.

Schon zum Amtsantritt von Chefdirigent Sir Simon Rattle 2002 hatte es erste Begehrlichkeiten des Bundes an dem Weltklasseensemble gegeben, ohne Erfolg. 2007 brachte dann Grütters, damals Obfrau der CDU/CSU für Kultur und Medien, die Übernahme der Philharmoniker als "Krönung" des Bundesengagements ins Gespräch - erneut vergeblich. Dass die Musikliebhaberin nun über den Coup frohlockt, ist verständlich - auch wenn er erneut Mischzuständigkeiten schafft.

Wie das Amen in der Kirche dürften zudem Klagen anderer Spitzenorchester im Lande zu erwarten sein, denen es oft deutlich schlechter geht als den knapp 130 handverlesenen Musikern im Berliner Scharoun-Bau. Denn die Philharmoniker stehen finanziell vergleichsweise gut da. Sie bestreiten ihren Gesamtetat von 44 Millionen Euro zu fast zwei Dritteln aus Eigeneinnahmen - das schafft wohl kein anderes Haus.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nimmt möglichen Begehrlichkeiten dennoch gleich den Wind aus den Segeln. "Es gibt eine klare Kompetenzaufteilung innerhalb des Grundgesetzes, und dabei bleibt es auch", sagt er. "Der Bund hat für die Hauptstadt eine besondere Verantwortung. Für andere gibt es keinen Anspruch, weil es nur eine Hauptstadt gibt."

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