Reinhold Beckmann

"Lothar Matthäus würde ein bisschen Selbstironie gut tun"

Am heutigen Sonnabend moderiert Reinhold Beckmann zum letzten Mal die „Sportschau“

Foto: Imago/Oliver Ruhnke

Am heutigen Sonnabend moderiert Reinhold Beckmann zum letzten Mal die „Sportschau“

Der scheidende "Sportschau"-Moderator Reinhold Beckmann plaudert im Interview aus dem Nähkästchen – und kritisiert die Branche.

Hamburg. Als Reinhold Beckmann am 12. September 1987 mit "Sport im Westen" seine erste Live-Sportsendung moderierte, stand die Mauer noch, und der Kanzler hieß Helmut Kohl. Mit seinen Studiogästen Uwe Kamps und Dirk Bakalorz, beide für Borussia Mönchengladbach aktiv, spielte Beckmann damals Frisbee. Knapp 30 Jahre später wird der 61-Jährige am heutigen Sonnabend zum letzten Mal die "Sportschau" moderieren – nach 14 Jahren.

Herr Beckmann, gab es in Ihrer Jugend auch den ewigen Familienstreit, ob am Sonnabend "Sportschau" in der ARD oder "Daktari" im ZDF geguckt wird?

Reinhold Beckmann: Nein, wir waren drei fußballbegeisterte Jungs, dazu unser Vater, da hatte Mutter keine Chance auf "Daktari".

Damals gab es in der "Sportschau" noch Vielfalt, selbst Sportarten wie Radball wurden gesendet …

… oder Querfeldeinradfahren mit den dreckverschmierten Trikots unserer Weltmeister Klaus-Peter Thaler und Rolf Wolfshohl. Unvergessen …

Heute gibt es in der "Sportschau" nur noch Fußball, Fußball, Fußball.

Für den Sonnabend stimmt das, sonntags aber nicht. Da zeigt die Sportschau auch andere Sportarten. Aber es ist richtig, selbst Handball und Eishockey haben es viel schwerer als früher.

Haben Sie Sehnsucht nach den alten "Sportschau"-Zeiten?

Wo nur Ausschnitte von maximal vier Spielen gezeigt werden durften, weil der DFB Angst hatte, dass die Fans nicht mehr ins Stadion kommen? Wo drei oder vier Kameras die Spiele aufzeichneten, sodass wir uns auf den Reporter verlassen mussten, ob es Abseits war oder nicht? Nein, diesen Zeiten trauere ich nicht hinterher.

Andererseits machen die Bildführung und die rasanten Schnitte die Spiele heute besser als sie in Wahrheit sind.

Das klingt ja wie vor 25 Jahren, als wir in meiner Zeit bei Premiere und bei Sat.1 mit "ran" die optische Aufbereitung der Spiele verändert haben. Nein, im Ernst. Der Vorwurf war damals schon unsinnig. Der Fußball ist einfach viel besser geworden, viel athletischer, viel schneller, technisch auf einem ganz anderen Niveau. Schauen Sie sich Bilder von den großen Spielen der 1970er-Jahre an. Da sehen Sie Männer, die im Trab-Tempo den Ball vor sich her treiben. Heute wirkt das wie Zeitlupe. Gegen diese Mannschaften würde jetzt ein Viertligist gewinnen.

Dennoch wächst die Kritik an der Branche.

Durch den neuen TV-Vertrag (ab Sommer 2017 steigen die Einnahmen der Deutschen Fußball Liga auf 1,16 Milliarden Euro pro Saison, die Red.) kommt noch mehr Geld ins Spiel. Viel zu viel wird durchgereicht an die Spieler und ihre Berater. Warum fließt nicht ein Teil der Mehreinnahmen in einen Fonds, mit dem Talente gefördert werden? Kein Wunder, dass immer mehr Fans denken, dass es nur noch um Kohle geht. Schauen Sie sich die englische Premier- League an. Die reichste Liga der Welt. Das neue Emirates-Stadion von Arsenal in London ist ein Stimmungskiller. Diese wunderbaren "singing areas" mit echten Fans gibt es dort nicht mehr. Ein Stadionbesuch mit Wurst und Getränk kostet in England inzwischen umgerechnet 100 Euro. Das kann sich der gemeine Fan nicht leisten. Viele kaufen sich lieber ein Billigticket nach Hamburg oder Berlin, um beim FC St. Pauli oder bei Hertha BSC Spiele zu sehen.

Ernst Huberty habe ich einiges zu verdanken. Ich habe viel von ihm gelernt. Und es war ganz wichtig, dass er 1991 als einer der bekanntesten deutschen Moderatoren und Kommentatoren zu mir nach „Premiere“ wechselte. Zu beachten ist auch der berühmte Ernst-Huberty-Scheitel, an Haarspray wurde im Haus Huberty nie gespart. Wenn es bei Außenaufnahmen sehr windig war, konnte es passieren, dass sich die ganze Haarpracht erhob, was ihm dann nicht so ganz Recht war. Vor ein paar Tagen haben wir noch telefoniert. Ernst ist inzwischen 90 Jahre alt, aber noch immer beeindruckt er mich mit seiner feinen, souveränen und süffisanten Art.

Auch Oliver Bierhoff warnt inzwischen als Manager der Nationalmannschaft, dass es vielen im Fußball nur noch um Profitmaximierung gehe. Er sieht das Risiko, dass der Boom kippen könnte.

Und Oliver Bierhoff ist ja nicht gerade als Rebell verbucht. Er sieht ja auch, dass selbst ein Länderspiel gegen England in Dortmund nicht mehr ausverkauft ist. Was hätten wir früher dafür gegeben, um ein solches Duell zu sehen, auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel ist? Aber die Fans spüren, dass die Stars ab der 70. Minute vor allem einen Gedanken haben: Wie komme ich hier heil raus, um am Wochenende für meinen Verein spielen zu können?

Das Niveau vieler Spiele der EM 2016 in Frankreich war auch sehr überschaubar.

Manche Partien hatten Drittliga-Niveau, das machte nur noch wenig Freude. Die körperliche Erschöpfung der großen Teams bei solchen Turnieren ist inzwischen unübersehbar. Die Stars sind leergespielt, nur deshalb haben Mannschaften wie Island plötzlich Oberwasser. Das durchschauen die Zuschauer. Sie spüren, dass es nur noch um Kohle geht, nicht mehr um Qualität. Fifa und UEFA müssten den Spielkalender endlich ausdünnen. Wettbewerbe wie der Confed-Cup oder die neue unnötige Nations League müssen weg.

Stattdessen werden die Weltmeisterschaften ab 2026 mit 48 statt 32 Mannschaften ausgetragen.

Ein großer Fehler. Schon bei den kommenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar wird es viele, viele Vorrundenspiele geben, die keinem Fan die Pfütze auf die Zunge treiben. Der Fußball ist auf dem Weg, sich selbst zu entzaubern und merkt es nicht. Das kann dazu führen, dass sich immer mehr Fans abwenden. Sie wollen nicht Bestandteil eines Geschäfts sein, das nur noch der Kontoerweiterung der Spieler und ihrer Agenten dient.

Das ist ein Bild mit Rod Stewart aus unserer „ranissimo“-Zeit. Ursprünglich wollten wir dort nur italienischen Fußball zeigen, damals spielten viele Nationalspieler wie Völler, Brehme, Klinsmann, Matthäus und Häßler in Italien. Dann kam das Sonntagsspiel der Bundesliga dazu – und internationale Stars wie Rod Stewart oder Rowan Atkinson als „Mr Bean“. Stepanovic hat gesungen, Trapattoni dirigiert. Wir hatten sensationelle Quoten, das Format kam gerade bei jungen Zuschauern gut an.( Irgendwann haben wir aber überdreht, da kam der Moderator eine Showtreppe runter. Das haben wir dann schnell wieder geändert.)

Für großen Verdruss sorgen in der Bundesliga Aktionen der Ultras mit Schmähplakaten gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. In Dortmund wurden Leipziger Fans sogar mit Steinen beworfen.

Die Plakate in Köln (Hopp wurde als Sohn einer Prostituierten und eines Nazis verunglimpft, die Red.) haben mich geschockt. Einige Kölner Ultras haben eine ganze Woche lang mit der Herstellung dieses Plakats zugebracht. Mit Verlaub: Optisch wie inhaltlich darf man da schon mehr Output erwarten. Den Hass auf Hoffenheim und Leipzig verstehe ich ohnehin nicht. Ich halte es da mit Christian Streich, dem Trainer des SC Freiburg: "Mit unendlichen Möglichkeiten muss man erst mal Unmögliches schaffen." Und das ist eben beiden Vereinen gelungen. Auch andere Vereine haben viel Kohle, machen aber daraus nichts. Wenn ich sehe, wie viel Geld in den letzten Jahren im Volkspark durch den Schornstein gejagt wurde, dann wird mir immer ganz anders.

Wie hat sich die Moderatorensprache im Sport verändert?

Wir haben früher viel angedrehter gesprochen. Da sagten wir dann (spricht extrem pointiert und laut): Und jetzt Leverkusen gegen Schalke. Das machen wir nicht mehr, zum Glück. Aber diese Normalität herzustellen, ist oft das Schwierigste.

Sportreporter sprechen jedoch in Zeitungen wie im Fernsehen oft von Helden.

Da könnte man doch glatt den alten Brecht zitieren: "Gelobt die Zeiten, die keine Helden brauchen". Wir sind oft zu leichtfertig, Spielern bei jeder Gelegenheit den Lorbeerkranz aufzusetzen. Bei der Übertragung des Champions-League-Spiels Real Madrid gegen den FC Bayern wurden Boateng und Hummels schon nach 45 Minuten in den Heldenstand gehoben, nur weil sie leicht angeschlagen durchgehalten hatten. Da ist mir ein bisschen norddeutsche Zurückhaltung doch lieber.

Die nichtssagenden Interviews nach Spielschluss sind oft nicht zu ertragen.

So pauschal würde ich das nicht sagen, es gibt auch gute Beispiele. Aber zugegeben, manche Momente, wo die Antwort schon in der Frage steckt, sind wahnsinnig profan.

Das gilt auch für manche Experten.

Inzwischen muss sich kein guter Kicker mehr um eine Weiterbeschäftigung nach der Karriere sorgen, er kann immer noch als Experte bei einem TV-Sender anheuern. Aber auch hier gibt es gute und nicht ganz so überzeugende. Mehmet Scholl etwa erklärt sehr gut, ohne belehrend zu wirken. Und er hat diese schöne Unberechenbarkeit, er schlägt am Mikro wie einst auf dem Spielfeld Haken und Finten. Lothar Matthäus wird dagegen unterschätzt. In der Analyse ist er einer der Besten, doch etwas mehr Leichtigkeit und ein bisschen Selbstironie würden ihm gut tun.

Das ist die rote Jeansjacke aus meiner „ran“-Zeit. Mit ihr kam ich in die Sendung um zu proben. Als ich überlegte, welches Jackett ich anziehen sollte, riet mir die Art-Directorin: „Behalt die Jeansjacke an.“ Die „ran“-Zeit hat mich geprägt. Ich durfte mit meinem Team eine Sendung machen, genauso wie wir sie uns vorstellten. Wir haben damals stundenlang diskutiert. Redaktionssitzungen bei ran waren keine Kaffeefahrt.

Wie empfinden Sie den immer restriktiveren Umgang der Vereine mit den Medien?

Als ich Anfang der 1990er-Jahre nach Hamburg kam, haben mich beim FC St. Pauli Christian Hinzpeter, damals Vize, und Helmut Schulte, damals Trainer, quasi adoptiert. Ich saß nach den Spielen in der Vereinskneipe mit den Spielern zusammen. Heute undenkbar. Der Fußball schottet sich immer mehr ab. Früher haben wir uns bei "ran" stundenlang überlegt, wie wir ein Spiel erzählen können, wie wir es optisch aufbereiten können. Mit unseren Kameraleuten und Regisseuren haben wir vor den Spielen ausführlich darüber gesprochen. Heute produziert mit "Sportcast" eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Fußball Liga das TV-Signal. Wir von der "Sportschau" können höchstens noch irgendwo eine zusätzliche Kamera aufstellen. Und zwischen den Spieltagen ist der normale Zugang kaum noch möglich. Stattdessen gehen die Spieler lieber in die clubeigenen TV-Sendungen. Das ist Fan-Fernsehen. Journalismus ist das nicht.

Kaum jemand weiß, dass Sie bei Sat.1 sogar mal Helmut Kohl zu Gast hatten.

1994 gab es klare Signale aus den Kreisen unserer Gesellschafter Leo Kirch und dem Axel-Springer-Verlag, dass man es gern sehen würde, wenn Kohl im Wahlkampf einen Auftritt bei uns haben könnte. Keine einfache Situation für uns als Redaktion. Wir waren politisch ohnehin woanders verortet und wollten uns nicht den Kanzler in die Sendung singen lassen. Wir haben dann im Gegenzug den SPD-Kandidaten Rudolf Scharping zu "ranissimo" eingeladen. Den Auftritt von Helmut Kohl aber werde ich nicht vergessen. Die Fußballfragen fand er nicht so spannend. In den Werbepausen stieß er mich an und sagte: "Ich habe Hunger." Wir sind dann nach der Sendung mit ihm in die nächstgelegene Pizzeria in Tonndorf gegangen. Unvergessen. Ach ja – auch Gerhard Schröder hat damals nicht nur am Zaun des Kanzleramts gerüttelt, sondern auch an der Tür unseres Studios.

Da war er niedersächsischer Ministerpräsident. Was wollte er von Ihnen?

Er wollte "ran" moderieren. Die komplette Sendung. Aber das haben wir dann doch nicht zugelassen. Er hat's ja auch ohne uns zum Kanzler geschafft ...

Diese Bild mit Franz Beckenbauer beweist doch eindeutig, dass auch ich mal ein Hippie war. Entstanden ist es bei einem Interview bei der WM 1990. Dass ich mit meinen gerade 34 Jahren die Interviews nach Spielschluss machen durfte, war völlig überraschend. Gebucht war ich eigentlich nur als Filmemacher. Die WM 1990 wird für mich unvergessen bleiben. Die deutsche Mannschaft hatte fast nur Heimspiele, Italien-Legionäre wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme oder Jürgen Klinsmann wurden gefeiert.

Spüren Sie schon Abschiedsschmerz, wenn Sie an die heutige Sendung denken?

Nein, ich habe die Entscheidung ja schon vor längerer Zeit getroffen. Aber fragen Sie mich noch mal nach der Sendung. Wer weiß? Vielleicht erwischt es mich doch. Aber es ist ja nicht Schluss. Ich kann mich künftig mehr auf meine Projekte, wie die Reportagereihe in der ARD, konzentrieren.

Was werden Sie vermissen?

Komisch – aber vor allem auch die Dritte Liga. Diese Berichterstattung von 18 bis 18.30 Uhr aus den verschiedenen Regionen leistet nur das öffentlich-recht­liche Fernsehen. Vermissen werde ich auch meine Kolleginnen und Kollegen. Feine Leute, ungemein professionell. Die meisten waren schon bei "ran" dabei. Es ist vor allem ihr Verdienst, dass diese Sendung noch immer ein Quotengarant ist. Nach der Sendung habe ich die Crew und zudem viele altgediente "Sportschau"-Kolleginnen und Kollegen in eine Kölner Kneipe eingeladen.

Haben Sie sich schon Abschiedsworte für das Publikum zurechtgelegt?

Nein, ich denke, zwei, drei Halbsätze sollten reichen. Und keine Sorge, es wird nicht sentimental. Es geht in dieser Sendung wie immer um Fußball. Und nicht um mich.

"#Beckmann", ARD, 9. Mai, 22.45 Uhr, Thema: "Frauen und die Macht: Julia Klöckner, Manuela Schwesig und Sahra Wagenknecht"

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