Meinung
Kommentar

Nicht zu viel auf einmal

Ausbau der Ganztagsschulen braucht eine solide Basis

Es ist ein Kraftakt - wer wollte das bestreiten: Innerhalb von gerade einmal zwei Jahren will der SPD-geführte Hamburger Senat die Zahl der Ganztags-Grundschulen mehr als verdoppeln. Vom kommenden Schuljahr an werden fast alle gut 200 Standorte eine Nachmittagsbetreuung für die Schüler anbieten, jedenfalls wenn alles nach Plan läuft.

Kein anderer Senat hat sich je ein solches Ausbauprogramm vorgenommen. Es gibt, gerade in einem städtischen Ballungsraum wie Hamburg, bei Eltern ein großes Bedürfnis nach der Ganztagsschule. Und insofern wollen sich die Sozialdemokraten gern für den massiven Ausbau loben lassen.

Nur ist es dafür noch zu früh. Denn nicht erst jetzt stellt sich heraus, dass es gravierende Probleme bei der Umsetzung der Reform gibt. Ganz obenan steht der ausgesprochen schleppende Bau von Schulkantinen und Mensen. Es mag viele sachliche Gründe für die Verzögerungen geben - fehlendes Geld ist es überraschenderweise nicht. Doch nicht nur die Ursachen sind wichtig, sondern auch die Wirkungen: Ein warmes, schmackhaftes und qualitätvolles Mittagessen ist gewissermaßen das Herzstück eines funktionierenden Ganztags. Wenn das nicht gewährleistet ist, wird die Akzeptanz bei Eltern schnell sinken.

Sicher, man darf von Vätern und Müttern eine gewisse Bereitschaft erwarten, sich eine Weile mit einem Provisorium zu arrangieren und über Unzulänglichkeiten hinwegzusehen. Aber manche Übergangsregelung an Schulen droht längst zur Dauereinrichtung zu werden. Da hilft auch der Hinweis aus der Schulbehörde nicht, dass der Anstoß für den Ganztagsausbau von den Schulen selbst ausdrücklich und möglichst schnell gewollt war - mit Unterstützung der jeweiligen Elternschaft. Die Verantwortung für eine vernünftige und realistische Steuerung von Reformprozessen lässt sich nicht von der Politik wegdelegieren. Bei begründeten Zweifeln an der Realisierbarkeit hätte das Programm also zeitlich gestreckt werden müssen.

Es scheint so, als ob sich hier ein altes Grundübel der Hamburger Schulpolitik erneut zeigt: zu viel auf einmal zu wollen.

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