Meinung
Leitartikel

Inklusion überfordert Stadtteilschulen

Foto: Andreas Laible,Andreas Laible / A.Laible

Die Schulen leiden. Alle Beteiligten müssen klare Regeln vereinbaren

Vor wenigen Jahren noch war Inklusion den meisten ein Fremdwort – längst hat der Begriff jedoch, an Schulen zumindest, Karriere gemacht, eine zweifelhafte allerdings. Der gemeinsame, inklusive – also einschließende – Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern an den Regelschulen wird breit getragen. Inklusion, die den älteren Begriff der Integration ersetzen soll, ist durchaus ein Kennzeichen moderner Pädagogik. Es entspricht dem Selbstverständnis des demokratischen Staats, Menschen mit Handicaps auf allen Ebenen der Gesellschaft einzubeziehen, wo es möglich und sinnvoll ist, also auf jeden Fall auch in der Schule.

Inklusion steht aber auch für das Gefühl der Überforderung vieler Lehrer, die für den Unterricht von Kindern mit speziellem Förderbedarf nicht ausgebildet wurden. Das Gefühl der Überforderung hat in Hamburg sogar ein ganzes System erfasst: die Stadtteilschulen, die die Aufgabe der Inklusion fast allein schultern müssen, weil förderbedürftige Schüler so gut wie gar nicht auf Gymnasien angemeldet werden, die mit ihrer stärkeren Leistungsorientierung eher abschreckend wirken. Kurzum: Die Begeisterung über die Chance zur Inklusion ist längst der Ernüchterung gewichen angesichts der großen Herausforderungen, die eine immer heterogenere Schülerschaft mit sich bringt.

Worum geht es konkret? Wie bei so vielen Schulreformen wollte Hamburg auch hier Vorreiter sein. Als eines der ersten Bundesländer setzte der Stadtstaat die Uno-Konvention zur umfassenden Inklusion von 2006 um. Seit Sommer 2010 haben Eltern das im Schulgesetz verbriefte Recht, ihr förderbedürftiges Kind auf einer Regelschule anzumelden. Verantwortlich für die übergangslose und flächendeckend wachsende Einführung ist der damalige schwarz-grüne Senat mit Schulsenatorin Christa Goetsch von den Grünen an der Spitze.

Damals, das muss man heute feststellen, wurden die Konsequenzen des umfassenden Rechts auf Inklusion nicht ausreichend bedacht. Das betrifft die Aus- und Fortbildung der Lehrer ebenso wie die finanzielle Ausstattung der Schulen mit zusätzlichen Förderstunden, die die Fachleute – Sonder- und Sozialpädagogen – erteilen sollen. Der heutige SPD-Senat hat fraglos ein schwieriges Erbe angetreten.

Die heute Verantwortlichen sind zudem seit 2011 von den Dimensionen der Inklusion schlicht überrollt worden. Binnen weniger Jahre hat sich die Zahl förderbedürftiger Kinder vervierfacht. Betroffen ist die Gruppe der Jungen und Mädchen, denen Defizite in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung (LSE) attestiert werden. Um diese Zahl der LSE-Kinder ist eine Art Glaubenskrieg entbrannt. Schulsenator Ties Rabe (SPD) steht auf dem Standpunkt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Heute würde eben leichter sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert als früher. Die Schülerschaft habe sich in so kurzer Zeit wohl kaum so stark verändert.

Die Pädagogen halten dagegen und verweisen auf gewachsene Sensibilität und Aufmerksamkeit speziellem Förderbedarf gegenüber. Alle Argumente treffen mehr oder weniger zu, nur hilft diese Erkenntnis den Schulen nicht weiter. Seit beinahe zwei Jahren tobt der Streit nun – und Rabe muss ihn dringend beenden, weil auch die ungeklärte Förderung der Inklusion dazu beiträgt, dass sich Eltern von der Stadtteilschule abwenden.

Am besten ist jetzt eine gemeinsame Initiative der Parteien, Verbände und Gewerkschaften, an deren Ende verbindliche Vereinbarungen stehen, klare Diagnoseregeln eingeschlossen. Rabe sollte über seinen Schatten springen – im Interesse der Kinder und ihrer Lernbedingungen. Aber auch im Interesse der Schulform Stadtteilschule, die gegen den Trend der Eltern, ihr Kind auf dem Gymnasium anzumelden, ankämpfen muss.

Der Autor leitet das Landespolitik-Ressort des Abendblatts

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