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Kommentar

Stadtteilschulen: Hier ist Unterricht kaum möglich

Die Autorin ist Hamburger Studienrätin a.D.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Autorin ist Hamburger Studienrätin a.D.

Geburtsfehler der Stadtteilschulen: Hier sitzen Schwach- und Hochbegabte in einer Klasse – mit Inklusionsschülern und Flüchtlingen.

"Wie geht das denn?", fragt man sich zu Recht. "Das" bedeutet, dass an der Mehrzahl der Hamburger Stadtteilschulen noch immer ein ideologisches Konzept von Unterricht verfolgt wird, das in der Praxis höchst fragwürdig ist, denn hier sitzen Schwach- und Hochbegabte zusammen in einer Klasse. Hinzu kommen Inklusionsschüler und Flüchtlinge.

Praktiker können Argumente für diesen Irrsinn wie "Die Schwachen lernen von den Guten" und "Mit Binnendifferenzierung ist der Lernerfolg am größten" nur hilflos belächeln.

Dieses Konzept wird dem Recht der Schüler auf Lernen eindeutig nicht gerecht. Kein Lehrer ist in der Lage, jedem einzelnen seiner 28 Probanden ein individuelles Lernpäckchen zu schnüren, dieses permanent zu kontrollieren und anzupassen und nebenbei noch Inklusionsschüler mit Verhaltensauffälligkeiten und erheblichen Defiziten sowie Flüchtlingskinder zu betreuen.

In einer Stadt, in der fast jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund hat, muss man sich bei diesem Konzept fragen, ob so ein Unsinn tragbar ist. Wenn zwischen Siebtklässlern auch noch 14- bis 15-Jährige sitzen, kann sich zudem wohl jeder vorstellen, dass es oft nicht einmal um das Erreichen von Lernzielen, sondern lediglich darum geht, Unterricht überhaupt zu ermöglichen.

Als Enquetekommission hatten wir 2007 ein Schulsystem mit zwei Säulen empfohlen. Eine Situation wie die aktuelle hat sich damals jedoch niemand träumen lassen. Wir waren vom Vorbild anderer Bundesländer ausgegangen, in denen sauber differenziert wird und in homogeneren Lerngruppen äußerst gute Ergebnisse erreicht werden. Dort scheut man sich nicht, beim Zugang zum Gymnasium nach Klasse 4 eine Hürde einzubauen. So ist Schülern, die über die nötige Auffassungsgabe und das erforderliche Lerntempo zu dieser Zeit noch nicht verfügen, der Weg dahin versperrt.

Folge ist, dass in den Klassen 5 und 6 der Gymnasien ein angemessenes Niveau herrscht und auch nach Klasse 7 kaum Schüler abgehen müssen. Folge ist auch, dass an den anderen Schulen ein höheres Niveau und besseres Lernen möglich werden, weil hier nicht nur "der Bodensatz" verbleibt.

Was in Hamburg die Stadtteilschule bisher nicht zu leisten vermag, kann zum Beispiel in Sachsen die Oberschule, die dort besonders auf den Übergang in berufliche Bildungswege ausgerichtet ist. Praktisch, handwerklich oder technisch begabte Jugendliche werden hier optimal gefördert. Aber auch wirtschaftlich, sprachlich oder musisch interessierte Schülerinnen und Schüler, die an einer beruflichen Schule weiterlernen wollen, erwerben an der Oberschule eine gründliche allgemeine und berufsvorbereitende (Aus-)Bildung.

In Hamburg entscheiden Schulleiter heute selbst, wen sie einstellen und wie sie ihr Budget einsetzen. So könnten sie Schülern ermöglichen, in nicht zu großen Gruppen unter Gleichbegabten in nach Leistung differenzierten Lerngruppen effizient zu lernen.

Schule sollte sich nach den Bedürfnissen ihrer Schüler richtet, statt überfrachtete Lehrpläne umsetzen zu wollen. Sie darf nicht alle Kinder über einen Kamm scheren. Nur so kann sie erreichen, dass auch Lernschwache Abschlüsse erzielen, praktisch Begabte in ihren Kompetenzen gefördert werden und Hochbegabte Eliten werden.

Fördern und Fordern sollte die Norm sein. Die Enquetekommission hatte die Vision, durch die Schaffung eines neuen Schultyps die Schulabbrecher- und Risikoschülerquote zu senken. Nicht beabsichtigt war, aus erfolgreichen Haupt- und Realschulen mit gut funktionierender interner Durchlässigkeit Zwangskooperationen mit über 1000 Schülern zu schaffen, die heute in manchen Stadtteilen in Hamburg wieder "Restschule" bedeuten, allerdings mit noch weniger Erfolg als ihre Vorgänger.

Sind Hamburger Stadtteilschüler, die am Ende der 10. Klasse nicht richtig rechnen, lesen und schreiben können, selbst schuld?

Oder sollte man die Schulen verantwortlich machen, die solche Schüler produzieren?

Wenn Hamburg nicht weiterhin unter den Bildungsschlusslichtern der Republik funzeln will, sollte den Entscheidern möglichst bald ein Licht aufgehen.

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