Meinung
Kommentar

Privatsache? Schlaflos in Deutschland

Die Menschen können nicht mehr abschalten – und das ist nicht nur Privatsache

Die Deutschen sind gestresst. Sie schlafen schlechter, sie leiden häufiger unter Kopfschmerzen, sie fühlen sich unter Druck. Die jüngsten Gesundheitsstudien der großen Krankenkassen zeichnen ein düsteres Bild von einem Land, dessen Bewohner nicht mehr zur Ruhe finden. Und das liegt nicht daran, dass sie nicht wüssten, wie Entspannung geht. Im Gegenteil: In den Buchhandlungen stapeln sich die Anleitungen zum Lockerwerden – im Kopf und in den Gliedern, mal fernöstlich, mal athletisch, mal kulinarisch. Gelassenheit und Achtsamkeit sind die Lieblingsvokabeln des Zeitgeistes.

Doch warum hilft das alles nichts? Weil der Gegner so stark ist: Die digitale (Arbeits-)Welt mit ihrer rasanten Taktung und permanenten Präsenz ist für die Psyche eine immense Herausforderung. Wer seinen Tag zudem mit einem Blick aufs Smartphone beginnt und abends die letzten Nachrichten von der Bettkante aus schickt, muss sich nicht wundern, wenn sein Kopf auch nachts im Mitteilungsmodus bleibt.

Nun könnte man einwenden, dass Schlafen Privatsache sei. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Chronisch schlechter Schlaf kann krank machen. Das führt zu höheren Ausgaben für die Krankenkassen und zu Ausfällen in den Betrieben. Kurz: Ein ausgeschlafenes Land spart Kosten. Doch wie finden die Deutschen wieder zur Ruhe? Und wie passt das zu einer Politik, die die Digitalisierung in allen Bereichen vorantreibt? Es geht nur, wenn gleichzeitig eine neue Kultur des Abschaltens gefördert wird. Die Politik kann nur den Rahmen dafür geben. Am Ende sind es die Arbeitgeber, die ihre Fürsorgepflicht ernst nehmen müssen, die Ärzte, die genauer hinschauen sollten, und die müden Deutschen, die wieder abschalten lernen müssen. Erst das Handy, dann den Kopf.

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