Meinung
Kolumne

Warum werden so viele Elfmeter verschossen?

Bundesliga-Torhüter konnten in dieser Saison schon ein Drittel aller Strafstöße abwehren – Zufall oder Trend?

Ein Elfmeter während eines Fußballspiels hat ja was von einem Westernduell wie bei Charles Bronson gegen Henry Fonda ("Spiel mir das Lied vom Tod"). Adrenalin pur auf dem Rasen und den Rängen: Eins gegen eins, nur einer kann gewinnen. Ein verwandelter oder gehaltener Schuss ist oft gleichbedeutend mit Triumph oder Tragödie, wobei seit der Einführung des Strafstoßes 1891 in Irland die Rollen klar verteilt waren.

Auf der einen Seite der Schütze, der alle Trümpfe in seiner Hand hält: Nur 400 Millisekunden benötigt der Ball heutzutage, um mit rund 100 km/h die elf Meter zurückzulegen. Auf der anderen Seite der Torwart, der angesichts der kurzen Reaktionszeit bei diesem Showdown nur gewinnen kann. Landet der Ball im Netz, macht ihm niemand einen Vorwurf. Mit einer erfolgreichen Parade hingegen mutiert der Keeper zum Helden seiner Mannschaft.

Dass das Elfmeterschießen bisher eine typisch deutsche Spezialität war, können bekanntlich vor allem die Engländer bestätigen. Doch in dieser Saison droht dieses für den Gegner furchteinflößende Image beschädigt zu werden. In den bisher 216 Bundesligaspielen verhängten die Schiedsrichter 63 Elfmeter, doch nur 42 führten zu Toren. Eine Trefferquote von nur 66,7 Prozent, jeder dritte Elfer wird also vergeben. Ein ziemlich schwacher Wert, zu dem auch deutsche Profis beigetragen haben, besonders aber die Fußballer von Bayer Leverkusen mit bisher fünf Fehlversuchen (bei sechs Versuchen).

Elfmeter sind auch eine HSV-Schwäche

Aber auch die HSV-Profis glänzten nicht gerade vom Punkt: Johan Djourou und Aaron Hunt scheiterten jeweils mit ihren Versuchen. Überhaupt halten die Hamburger die Minus-Bestmarke von sechs Fehlschüssen innerhalb einer Saison (1966/67), gemeinsam mit Hauptstadtclub Hertha BSC (1960) und dem SC Freiburg (1998/99).

Nähern wir uns der Angelegenheit mathematisch: Knapp 18 Quadratmeter groß ist so ein Fußballtor. Nehmen wir nun an, dass ein Torhüter Gardemaß von zwei Metern hat und mit seinen Armen über eine Spannweite von 2,50 Meter verfügt, so kann er dennoch nur fünf Quadratmeter seines Zuhauses abdecken – 75 Prozent aber nicht, was auch in etwa der durchschnittlichen Trefferquote von Elfmetern entspricht.

Wieso aber behält der Torwart in dieser Saison plötzlich häufiger die Oberhand – Zufall oder Trend?

Für den Sportwissenschaftler Dr. Georg Froese ist der Fall ganz klar: "Die aktuelle Situation ist eine Folge der besseren und vermehrten Vorbereitung der Torhüter, die besseres Statistik- und Videomaterial nutzen", war in dieser Woche im Netz auf sportschau.de zu lesen. Und Froese sollte es wissen. Schließlich gewann er mit seiner Dissertation "Sportpsychologische Einflussfaktoren der Leistung von Elfmeterschützen" den Wissenschaftspreis des DFB.

Helfen dem Schützen mentale Übungen?

Die Frage ist bloß, was der ob dieser These verunsicherte Elfmeterschütze daraus folgern soll. Nehmen wir an, er überlegt vor der Ausführung: "Der Torwart des gegnerischen Teams kennt aufgrund seiner Datensammlung meine Lieblingsecke. Wenn er jetzt aber wüsste, dass ich weiß, was er weiß, würde er sich vermutlich für die andere Ecke entscheiden. Oder gerade deshalb doch nicht?"

Natürlich alles Quatsch. Hier hilft nur ein klarer Plan. Konzentration und Fokussierung erfordern mentale Übung (Gefühl der eigenen Stärke!) genau wie der praktische Teil (Schusstechnik!), um sich Sicherheit zu verschaffen und dem gestiegenen Druck Herr zu werden. Denn nach Ansicht des norwegischen Sportpsychologen Geir Jordet sind gerade die Stars gefährdet in diesen Stress­situationen. Die Besten würden bei einem verdaddelten Strafstoß nämlich eher ihr Gesicht verlieren als ein Niemand. Angst essen Fußballerseele auf.

Trost bietet da ein Blick auf Fußballgranden von früher. "Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber", gab einst Nationalspieler Andy Möller zu – und verwandelte dennoch bei der EM 1996 gegen England den Strafstoß zum Einzug ins Finale. Kein Wunder, dass er später auf die Frage, was ein perfekter Elfmeter sei, antwortete: "Rein."

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