Meinung
Hamburger Kritiken

Kindsein in Zeiten des Trash-TV

Nun werden auch noch Klassiker wie "Wickie" verhunzt. Mitunter gleicht das Fernsehen einer Sondermülldeponie

Früher war alles besser, glauben viele Ältere und verwechseln dabei ihr Unbehagen am eigenen Altern mit dem Zeitenlauf: In der Erinnerung schien stets die Sonne, der HSV gewann jedes Spiel, das Leben war unbeschwert. Dabei regnete es früher auch, der HSV verlor so manche Partie, und vieles war schwerer als heute. Nur eines scheint tatsächlich besser gewesen zu sein: das Fernsehen, zumindest das Kinderprogramm.

Blicken wir zurück in die gute alte Zeit: "Der Kampf ums Kind beginnt am Mittagstisch, wenn Schule und Kindergarten schließen. Dann lässt der Kommerzkanal Sat.1 seinen 'Lassie' von der Leine, die furchterregenden 'Ghostbusters' und 'Kimba, den weißen Löwen'; die Cartoon-'Familie Feuerstein' empfängt das Ehepaar Betty und Barney Geröllheimer. Beim Privat-Nachbarn RTLplus macht sich ein berüchtigter Plattfuß breit, der Prügelkoloss Bud Spencer. … Die betagte ARD entfesselt ihren 'Spaß am Dienstag', für das ZDF kobolzen Charly Brown und Snoopy."

So begann 1989 die "Spiegel"-Titelgeschichte "Droge Fernsehen – die süchtigen Kinder" und warnte: "Fernsehen ist seelische Vergewaltigung." Hm. Lassie? Die Familie Feuerstein? Bud Spencer? Snoopy?

Die Hölle von gestern wirkt heute wie das Paradies. Die einst beklagte "Tele-Sintflut", die "verführerische Colorvision", ja, "die Macht der buntbewegten Bilder" – alles ziemlich betulich. Und den zitierten Wissenschaftler, der das Fernsehen einen "Kinderschänder" nannte – das Programm wirke wie eine Vollnarkose, wie eine "seelische Vergewaltigung" –, würde man heute ins Kabarett oder in die Klapse schicken.

Während in den 80er-Jahren Medienkritik Bestsellererfolge garantierte und Fernsehen in seiner Gefährlichkeit knapp hinter der Atomkraft rangierte, wundert man sich heute über die Abwesenheit jedes Mediendiskurses in der öffentlichen Debatte. Dabei gäbe es einiges zu diskutieren: Wer heute mit den Klassikern seiner Jugend den eigenen Nachwuchs begeistern will, erntet bestenfalls Gähnen und schlimmstenfalls Empörung. "Die Kinder von Bullerbü" etwa erzählt anders, langsam, unaufgeregt, ohne schnelle Schnitte, schrille Musik und knallige Farben. Seit den 50er-Jahren hat sich die Zahl der Schnitte verdoppelt, mehr Handlung wird in kürzere Sendezeiten gepresst.

Selbst Klassiker wie "Heidi", "Biene Maja" oder "Wickie" müssen neu erzählt werden – wie in der Musik fluten Coverversionen den Markt. Die Farben sind so bunt, als hätten die Macher LSD eingeworfen, die Schnitte so schnell, als litten die Cutter an ADHS. Die Figuren sehen dreidimensional aus, bleiben aber charakterlich eindimensional. Auch die TV-Volkserzieher leisten ganze Arbeit, der Zeitgeist weht durch alle Kanäle, computeranimierte Wesen ersetzen Zeichnungen: Bob der Baumeister musste in den neuen Folgen kräftig abspecken, die einst mollige Maja fliegt mit Wespentaille über knallbunte Wiesen. Bei "Wickie" wird weder geflucht noch gezecht noch gestritten. Auch das "neue Wolfsbild", so heißt es bei ZDF, wird berücksichtigt: Nicht mal mehr Angst darf Wickie haben.

Das Kinderprogramm ist zum Fürchten: Die Globalisierung ist nicht zu übersehen, die amerikanische Sichtweise strahlt bis in den öffentlich-rechtlichen Kanal. Disney & Co. setzen die Standards; wer dahinter zurückbleibt, bekommt bei den Quoten ein Problem. Immerhin hält sich der Kinderkanal wacker im Vergleich zum Trash-TV Super-RTL, Disney Channel.

Der einzige Trost mag sein, dass die Gefahren des Fernsehens stets überschätzt wurden. In den 50er-Jahren glaubte man noch, das Fernsehen "zerstört das kindliche Seelenleben" und sei verantwortlich für Fernsehbeine, Fernseh-Epilepsie und das "polysymptomatische Bildschirmsyndrom". Was würden diese Mahner wohl nach einem Zapping-Nachmittag in der Jetztzeit sagen?

Was waren das noch für Zeiten, als Peter Lustig am Ende von "Löwenzahn" stets zum Abschalten aufforderte. Eine Anregung, die übrigens gesund ist: Jede zusätzliche Stunde Fernsehkonsum pro Tag, so hat die British Psychological Society herausgefunden, erhöht das Risiko, später an Alzheimer zu erkranken. Lesen hingegen verringert es.

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