Meinung
Leitartikel

Merkel bei Trump: Alles auf Anfang

Angela Merkel versucht bei ihrer ersten Begegnung, Donald Trump zu verstehen.

Nicht drängeln. Den Neuen erst ankommen lassen im Amt. Abwarten, bis Konturen erkennbar werden. Angela Merkel hat alles richtig gemacht im behutsamen Angang an das weltpolitische Phänomen Donald Trump. Genutzt hat es ihr beim Antrittsbesuch in Washington wenig. Der Hausherr blieb zu Beginn ausgesucht kühl, verweigerte der Kanzlerin sogar den von Fotografen gewünschten Handschlag. Gastfreundlich geht anders.

Amerikas neuer Präsident ist seit mehr als 50 Tagen im Amt. Woran man bei ihm ist nach der giftigen Achterbahnfahrt des Wahlkampfes, weiß immer noch niemand verlässlich. Der Mann fährt weiter Achterbahn. Und regiert nebenbei. Mehr schlecht als recht. Und es spricht nicht viel dafür, dass es so bald besser wird.

Trumps Krankenversicherungsreform sorgt bei den eigenen Leuten, den Republikanern, für Kammerflimmern. Wutbürger, die den Milliardär zuhauf gewählt haben, werden die Gekniffenen sein. Sein zur Terrorprävention verhängter Einreisestopp hängt in den Mühlen der Justiz fest. Die geplante massive Umverteilung im Staatshaushalt – Aufrüstung zulasten von Umweltschutz und zivilen Projekten – löst Protest aus. Viele Ministerien sind latent handlungsunfähig, weil Hunderte Schlüsselstellen weiter unbesetzt sind. Dazu hält der Ober-Verschwörungstheoretiker gegen alle Würde und Fakten an der Behauptung fest, sein Vorgänger Barack Obama habe ihn belauschen lassen. Mit so jemandem eine transatlantische Zweckgemeinschaft aufzubauen, ist schwer. Wie definiert man da bei der ersten Begegnung Erfolg? Indem man Gesagtes und Gehörtes mit einem nicht allzu fernen Haltbarkeitsdatum versieht. Trumps Weltbild ist wetterwendisch. Auf Sicht zu fahren, Übereinkünfte regelmäßig neu zu justieren, wird darum für Angela Merkel unerlässlich sein.

Waren die Treueschwüre (nach vorherigem Abrissbirneschwingen) in Richtung Nato und weltumspannende Schlichtungsinstanzen (Vereinte Nationen) vielleicht doch nur Diplomaten-Small-Talk? Hat Trump wirklich verstanden und akzeptiert, dass sich die EU nicht von Hallodris wie Nigel Farage oder Geert Wilders kaputtreden lässt? Lässt er endlich auch offiziell von seiner seltsamen Romanze mit Wladimir Putin ab? Will er Handel oder Handelskrieg? Wie dialog- und kompromissbereit die neue Regierung abseits der bei Staatsbesuchen zelebrierten Show-Elemente, die Trump als Fernseh-Persönlichkeit perfektioniert hat, tatsächlich ist, bleibt weiter offen.

Dabei müsste dem Mann, der sich gern wie ein autoritärer Herrscher gibt, zu denken geben, dass der "Brexit" der Briten stagniert und der fliegende Holländer Wilders bei der Wahl eine Bruchlandung hingelegt hat. Der islamfreie Wirtschafts-Nationalismus, mit dem Trumps Chefstratege Stephen Bannon Amerika gesunden und die EU sprengen will, ist nicht das Opium, nach dem sich die Völker sehnen.

Ob Merkels Etappenziel in Washington – den kapriziösen Exoten verstehen lernen, einen Draht knüpfen – aufgegangen ist, wird sich, wenn überhaupt, erst in Monaten herausstellen. Allzu euphorisch muss man nicht sein. Wer die Kanzlerin als Führerin der freien Welt überhöht und in ihr eine Dompteurin sieht, die einem launischen, alten Zirkuslöwen neue Tricks beibringt, liegt falsch. Trumps eigene Leute wachen jeden Morgen mit bangem Blick aufs Smartphone auf. Weil es sein kann, dass der Chef nachts wieder die Welt kurz und klein getwittert hat.

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