Meinung
Leitartikel

BVB-Anschlag: Sport als Wirtschaftsware

Mit den hohen Erträgen im Fußball wachsen die Begehrlichkeiten von Kriminellen.

Geld schießt Tore, Geld gewinnt: Die Ökonomie durchdringt und überlagert das sportliche Fußballspiel schon lange. Doch wie weit die kriminelle Fantasie reichen kann, um sich diese Ökonomisierung des Sports zunutze zu machen, hätte bis gestern wohl niemand für möglich gehalten. Die mutmaßliche perfide Wette auf fallende Kurse der BVB-Aktien nach dem versuchten Anschlag auf die Mannschaft zeigt: Der oder die Täter sahen die Spieler in dem Mannschaftsbus nicht mehr als Menschen, sondern als Betriebskapital der Borussia Dortmund Aktiengesellschaft – noch gefährlicher: als das nahezu gesamte Kapital der Fußball AG, versammelt an einem Ort, zu einem vorhersehbaren Zeitpunkt.

Aus Sicht der Kriminellen rollte in Dortmund eine extrem wertvolle Ware durch die Stadt. Als würde eine Großbank ihren kompletten Vorstand und all ihr Geld in der offenen Kutsche durch die Stadt transportieren.

Der Plan der Angreifer im Fall des BVB konnte arglistiger nicht sein: Je verheerender der Anschlag, je mehr Spieler verletzt oder getötet würden, desto mehr Geld würden sie verdienen. Denn ihre Wette auf fallende Kurse der BVB-Aktie wäre umso einträglicher gewesen, je mehr von dem menschlichen Kapital des BVB zerstört worden wäre.

Dieser Plan hat in seiner Menschenverachtung eine völlig neue Dimension. Bislang ging es bei der Sportwetten-Mafia um manipulierte Spiele, Bestechungsgeld für Torwarte, die Bälle durchlassen sollten. Alles sehr unschön und illegal, aber nicht ansatzweise vergleichbar mit dem Plan, eine ganze Mannschaft zu töten.

BVB-Profis haben mit Kritik recht

Die geschockten BVB-Spieler kritisieren zu Recht aber auch die Ökonomie ihres Geschäfts, das sofort weiterlief. Nicht mehr als einen Tag wollte die Uefa vergehen lassen, damit sich die Spieler von der Bedrohung ihres Lebens erholen konnten. Dann sollten sie fix wieder spielen. Denn Zeit ist Geld, und um Geld dreht sich im Fußballgeschäft auch legal fast alles. Reiche Vereine erzielen größere Erfolge als arme Vereine. Größere Erfolge führen zu höheren Einnahmen. Die Geldmaschine Fußball ernährt sich selbst.

Aber sie funktioniert in vielen Bereichen doch nicht ganz wie eine Aktiengesellschaft. Ein großes, börsennotiertes Unternehmen würde etwa nicht alle Vorstände in einen Bus setzen und in einem bekannten Hotel unterbringen. Der BVB tut bestimmt sehr viel für die Sicherheit seiner Spieler, ihm ist kein Vorwurf zu machen. Aber nach dem Angriff wird dem Club sicher auch bewusst geworden sein, in welch besonders gefährliche Lagen ein Fußballkonzern mit Börsenkapitalisierung geraten kann. Welche monströsen Angriffspläne erst durch die Form der Aktiengesellschaft denkbar werden.

Erleichterung nach Festnahme des mutmaßlichen BVB-Attentäters

Die Polizei hat anderthalb Wochen nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund einen Tatverdächtigen festgenommen.
Erleichterung nach Festnahme des mutmaßlichen BVB-Attentäters

Für die berechtigte Angst der Spieler gab es im Fußball-Business wenig Verständnis. "Wir hatten das Gefühl, dass wir behandelt werden, als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen", sagte Borussia Dortmunds Trainer Thomas Tuchel vergangene Woche und kritisierte, dass seine Mannschaft so schnell wieder antreten sollte. Der Satz drückt die Fassungslosigkeit eines Profis darüber aus, wie wenig Unversehrtheit und Wohlbefinden seiner Spieler im Fußballgeschäft zählen.

Vielleicht kann das Entsetzen über den mörderischen Aktiendeal der Verbrecher ja auch ein Nachdenken auslösen darüber, wie viel Ökonomisierung der Sport verträgt. Und welchen Wert die Sicherheit der Spieler hat. Denn Tore schießen immer noch Menschen. Und die sind nicht aus Geld gemacht.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Abendblatt Digital

Testen Sie jetzt 2 Wochen gratis das digitale Hamburger Abendblatt!