Meinung
Leitartikel

An Lindners FDP: Traut Euch!

Warum die Liberalen regieren sollten, statt ihr altes Trauma zu pflegen

An zwei Stellen haben die Anhänger der FDP am Wahlabend in Düsseldorf besonders laut gejubelt: Immer dann, wenn die Hochrechnungen das starke Ergebnis von Spitzenkandidat Christian Lindner bestätigten. Und immer dann, wenn die Zahlen von Mal zu Mal deutlicher zeigten, dass die Linkspartei es nicht in den Landtag geschafft hat. Denn das hieß: Schwarz-Gelb ist möglich, die FDP spielt beim Koalitionspoker wieder mit. Nach Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein ist Nordrhein-Westfalen das dritte Land, in dem die Liberalen als Regierungspartner gefragt sind.

Also alles gut im Lindnerland? Immerhin ist das Wahlergebnis von Sonntag das beste FDP-Ergebnis in NRW seit 1945. Die Wähler wollen, dass die FDP die Landespolitik wieder mitgestaltet. Und die meisten dürften die CDU für einen erträglichen Partner halten. Die wenigsten jedenfalls würden verstehen, wenn sich die FDP jetzt zieren sollte.

Doch genau danach sieht es gerade aus. Denn so groß die Freude bei den Wahlkämpfern ist, für Parteichef Christian Lindner macht der Erfolg die Sache nicht leichter. Er weiß, was jeder weiß: Wer mitregieren will, muss Kompromisse eingehen. Und Kompromisse sind nichts, was zu Lindners Erzählung von der neuerdings kompromisslos eigenständigen FDP passt.

Lindner will seine Partei als Spitzenkandidat am 24. September in die Bundestagswahl führen. Dies ist das alles überragende Ziel. Deshalb zögert der Parteichef bei jeder strategischen Entscheidung auf Landesebene: Hilft sie uns oder schadet sie? Und so ist es auch jetzt wieder.

Eine Neuauflage von Schwarz-Gelb in NRW? Am Ende sogar als Vorspiel für Schwarz-Gelb im Bund? Bei Lindner und seinen Parteistrategen löst das ein leichtes Unwohlsein aus. Zu Unrecht: Sehen sie denn nicht die neue Lust der Wähler auf eine starke, auf eine regierende FDP?

Sie sehen sie wohl, aber sie starren noch immer auch auf ihr historisches Trauma von 2013. Als Juniorpartner von Angela Merkel waren die Liberalen politisch am langen Arm verhungert, hatten sich zerstritten und waren schließlich aus dem Bundestag geflogen. Das erste Gebot der neuen FDP-Lehre heißt seitdem: Nie wieder regieren um jeden Preis. Nie wieder willfähriger Mehrheitsbeschaffer sein, nie wieder Königsmacher ohne Macht sein. Lindner baute schon am Wahlabend vor: "Ich bin nicht der Wunschkoalitionspartner von Herrn Laschet, und er ist nicht meiner", sagt der FDP-Chef. Der Satz geht in zwei Richtungen. An CDU-Wahlsieger Armin Laschet gerichtet heißt er: "Wir machen es euch nicht einfach." Für die eigenen Anhänger bedeutet er: "Wir halten Kurs – und der Kurs heißt Eigenständigkeit." Doch welcher Wähler will schon Eigenständigkeit um jeden Preis? Die meisten wollen liberale Politik durchsetzen. Das geht nun mal am besten mit eigenen Ministern.

Kommt es am Ende trotz aller Zögereien und inhaltlichen Differenzen zu Schwarz-Gelb in NRW, muss das auch aus einem anderen Grund kein Widerspruch sein – zum Mantra der Eigenständigkeit. Denn Eigenständigkeit kann die FDP auch dadurch zeigen, dass sie in Mainz mit SPD und Grünen in einer Ampelkoalition regiert, in Kiel mit CDU und Grünen über ein Jamaikabündnis redet und in Düsseldorf mal wieder Schwarz-Gelb ausprobiert. Mit anderen Worten: dass sie nicht mit einem einzigen Partner auf alle Zeit verheiratet ist.

Die Wähler hat das bislang nicht abgeschreckt - im Gegenteil: Die FDP erlebt gerade einen sich selbst verstärkenden Effekt. Je sichtbarer sie wieder zum Machtfaktor wird, desto besser werden ihre Wahlergebnisse.

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