Meinung
Leitartikel

Fachkräftemangel: Mehr Geld für Pfleger

2030 werden bis zu 200.000 Fachkräfte fehlen. Wir müssen endlich handeln

Um das Ausmaß der Herausforderung zu begreifen, genügt eine Zahl: 3,6 Millionen Menschen in Deutschland werden 2030 pflegebedürftig sein, mehr als jetzt in Hamburg, Frankfurt und Köln zusammen leben. Die Schätzungen, wie viele Pflegekräfte fehlen werden, schwanken je nach Studie und Auftraggeber. Alarmierend sind sie allesamt. Der Generation der Babyboomer kann es im Zweifel egal sein, ob die Personallücke dann 140.000 oder 200.000 Pflegekräfte groß sein wird. Wer in zehn oder 15 Jahren vergebens im Altenheim auf eine Pflegerin warten wird, die ihm das Essen reicht, wer erfolglos versuchen wird, seine Pflege daheim zu organisieren, wird dann sein ganz persönliches Drama erleben.

Schon jetzt ist der Pflegenotstand längst Realität. Auch in Hamburg zahlen Heime und private Pflegedienste bereits Prämien an Mitarbeiter, wenn sie Kollegen von der Konkurrenz erfolgreich abwerben.

In populistischen Zeiten wie diesen werden auf komplizierte Fragen gern einfache Antworten gesucht. Im Bereich Altenpflege, das ist sicher, kann es sie nicht geben. Die Politik hat in den vergangenen Jahren zwar viele Weichen in die richtige Richtung gestellt. Das neue Pflegestärkungsgesetz stärkt den Vorrang ambulant vor stationär; erfüllt also den Wunsch der weitaus überwiegenden Zahl alter Menschen, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Und in Hamburg gibt es besonders hohe Zuschüsse für Pflegebedürftige, die das Haus oder die Wohnung barrierefrei umbauen möchten. Den akuten Fachkräftemängel werden aber weder die Bundesregierung noch der Hamburger Senat beheben können.

Die Politik kann nur Anreize schaffen, wie etwa mit höheren Vergütungen, wenn im Gegenzug die Pflegekräfte besser bezahlt werden. Wenn dies wie jetzt in Hamburg nicht wirklich funktioniert, müssen Experten nach anderen Wegen suchen.

Niemand kann seriös prognostizieren, wie viele junge Menschen sich für den Pflegeberuf entscheiden, wenn er finanziell aufgewertet wird. Der Umkehrschluss stimmt aber definitiv: Wenn Altenpfleger weiter deutlich weniger verdienen als ihre keineswegs üppig bezahlten Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern, wird die Personallücke noch größer werden. Was wiederum eine fatale Kettenreaktion auslöst. Der immense Druck durch die permanente Unterbesetzung führt schon jetzt dazu, dass jeder vierte junge Altenpfleger in den ersten fünf Jahren aufgibt.

Wer jedoch höhere Löhne fordert, muss wissen, dass sie letztlich von der Allgemeinheit mitfinanziert werden müssen. Niemand kann von Heimbetreibern oder Pflegediensten erwarten, dass sie ohne steigende Einnahmen die Gehälter massiv erhöhen. Auf Sicht müssen wir daher mit weiter steigenden Beiträgen zur Pflegeversicherung rechnen, wenn Pflegekräfte fair bezahlt werden sollen.

Mit Geld allein werden wir das Fachkräfteproblem jedoch nicht lösen können. Jungen Menschen geht es bei der Berufswahl auch ums Image. Wer als Altenpfleger über seinen Job redet, hört häufig Sätze wie: "Bewundernswert, aber ich könnte das nicht." Solche vergifteten Komplimente helfen niemandem. Altenpfleger wollen keine Helden des Alltags sein. Sondern anerkannt werden als Profis für einen anspruchsvollen und fordernden Beruf. Vernünftig bezahlt. Und unter Arbeitsbedingungen, die Zeit und Raum lassen für eine menschenwürdige Pflege.

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