Ernährung

Tod durch Koffein: Wie gefährlich sind Energydrinks?

Sehen gefährlich aus – und sind es im schlimmsten Fall auch: Energydrinks mit hohem Koffeingehalt.

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Sehen gefährlich aus – und sind es im schlimmsten Fall auch: Energydrinks mit hohem Koffeingehalt.

In den USA ist ein 16-Jähriger nach dem Konsum von Kaffee und Energydrinks gestorben. Ärzte warnen vor den Risiken der Wachmacher.

Berlin.  An einem Tag Ende April kollabiert der 16-jährige Schüler Davis Cripe am Nachmittag in seinem Klassenzimmer im US-Bundesstaat South Carolina. Eine Stunde später ist er tot. Am Dienstag wurde das Ergebnis der Obduktion bekannt: Plötzlicher Herzstillstand. Mit 16. Laut Ärzten führte zu viel Koffein zunächst zu Herzrhythmusstörungen. Der 16-Jährige hatte innerhalb von zwei Stunden drei koffeinhaltige Getränke zu sich genommen – einen Café Latte von McDonald's, eine Flasche koffeinhaltige Limonade und einen Energydrink. Das war zu viel für seinen Körper.

Der Junge sei nicht an einer Überdosis Koffein gestorben, aber er habe die Getränke in zu kurzer Zeit getrunken, sagte Gerichtsmediziner Gary Watts. Der Junge sei gesund gewesen und habe weder Alkohol noch Drogen konsumiert. Eine Herzschwäche sei nicht diagnostiziert worden.

"David dachte, so wie viele andere Leute auch, dass es total harmlos ist, viel Koffein einzunehmen", so Watts. Und: "David ist an einer absolut legalen Substanz gestorben." Der aktuelle Fall hat nicht nur in den Vereinigten Staaten die Debatte über die süßen Koffeinmischungen erneut entfacht. Auch in Deutschland wird nun wieder darüber diskutiert. Mediziner und Verbände warnen seit Jahren vor dem Konsum der Wachmacher.

Getränke aus Wasser, Zucker und sehr viel Koffein

Energiegetränke – englisch Energy Drinks oder Energy Shots – sind Getränke, die hauptsächlich aus Wasser, Zucker, vermeintlich leistungssteigernden Zusatzstoffen wie Taurin, Inosit und Glucuronolacton bestehen und Koffein in hohen Konzentrationen enthalten. Anders als in den USA, wo die Getränke als Nahrungsergänzungsmittel gelten und deshalb keinen Beschränkungen unterliegen, gilt in Deutschland für Energydrinks eine gesetzliche Höchstmenge von 320 Milligramm Koffein pro Liter – das entspricht etwa vier Tassen Filterkaffee und ist fast dreimal so viel wie in einem Liter Cola enthalten ist.

Foodwatch fordert Abgabe auf zuckerhaltige Getränke

Eistee, Limo, Energy Drink - mehr als 80 Liter Zuckergetränke verzehren die Deutschen durchschnittlich im Jahr. Und damit mit am meisten weltweit. Das haben Verbraucherschützer von Foodwatch errechnet. Dabei bergen die oft harmlos aussehenden Brausen viele Gefahren, sagt Oliver Huizinga. "Schon eine Dose am Tag Zuckergetränk erhöht das Risiko für die Entstehung verschiedener Krankheiten, erhöht das Risiko für die Entstehung von Übergewicht, von Fettleibigkeit, von Typ-2-Diabetes." In vielen Getränken stecken nach wie vor mehr als fünf Prozent Zucker. Das entspricht mehreren Würfeln pro Portion. Deshalb fordern die Verbraucherschützer die Regierung auf, zu handeln. "Wir brauchen drei Maßnahmen. Das erste ist eine bessere Kennzeichnung. Das zweite sind Beschränkungen des Marketings und der Werbung, die sich an Kinder richtet. Und das dritte ist eine Abgabe für die Getränkeindustrie. Wer viel Zucker beimischt, soll eben eine Abgabe bezahlen, als Anreiz dafür, weniger Zucker in die Rezepturen zu mischen." In Großbritannien müssen Hersteller für Getränke mit einem hohen Zuckergehalt ab 2018 eine Art Steuer bezahlen. Die Maßnahme soll die Fettleibigkeit vor allem bei Kindern und Jugendlichen eindämmen.
Foodwatch fordert Abgabe auf zuckerhaltige Getränke

Koffein beschleunigt den Herzschlag und Stoffwechsel, die Körpertemperatur steigt. Kaffee bringt Energie – vorausgesetzt, man trinkt ihn in der richtigen Dosis. Ansonsten drohen Nervosität und Erregbarkeit, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche und Herzrasen als unerwünschte Nebenwirkungen. Allerdings gibt es bis heute keine belastbaren Studien, wie viel der Koffein-Kicks ein Mensch, ob alt oder jung, verträgt.

Schädigung der Nieren und des Zentralen Nervensystems

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hat aber bereits vor zwei Jahren Empfehlungen ausgesprochen: Danach liegt eine unbedenkliche Einzeldosis für Erwachsene bei maximal 200 Milligramm Koffein. Über den Tag verteilt sollte nicht mehr als das Doppelte aufgenommen werden – das entspricht etwa vier bis fünf Tassen Kaffee oder acht Tassen Schwarztee.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat diese Empfehlungen bewertet und veröffentlicht. "Gemäß Efsa kann die für Erwachsene unbedenkliche Einzeldosis an Koffein (3 mg pro kg Körpergewicht) auch für Kinder und Jugendliche als sicher gelten", heißt es. Der Göttinger Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette rät unbedingt davon ab, diesen Werten zu vertrauen: "Wir können zu Kindern und Jugendlichen gar nichts sagen, weil wir keine Daten haben. Deshalb halte ich das Herunterbrechen der Werte für potenziell fahrlässig."

Bei übermäßigem Konsum, so seine Erfahrung, drohten eine Schädigung der Nieren und des Zentralen Nervensystems. Koffein stimuliere die Ausschüttung von Adrenalin, das lasse das Herz schneller schlagen und erhöhe den Blutdruck. Bei sehr großen Mengen beginnt das Herz zu rasen. Vor allem bei Menschen, die unter genetischen Defekten leiden – aber davon nichts wissen – könnten die Energygetränke zum Herzstillstand führen. "Man hat nur selten Gelegenheit, diese Menschen wiederzubeleben", so der Kardiologe.

Möglicherweise wird Basis für Diabetes gelegt

Der Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK) warnt indes auch vor dem hohen Zuckergehalt der Energydrinks. Kleinere Studien hätten bereits gezeigt, dass die Drinks den Zuckerstoffwechsel ungünstig beeinflussen und so möglicherweise der Grundstein für Diabeteserkrankungen gelegt werde, sagt BNK-Experte Heribert Brück. Kein Wunder: Beispielsweise die 500-Milliliter-Dose Rock­star Energy Drink von Pepsico enthält 70 Gramm Zucker – das sind 23 Stück Würfel­zucker. Frauen haben damit schon die für sie tolerier­bare tägliche Menge Zucker über­schritten – Kinder bei Weitem.

Trotz der gesundheitlichen Risiken laufen die Energydrinks wie verrückt. Seit Jahren zählen sie zu der Gruppe der Getränke mit den höchsten Wachstumsraten. In jedem gut sortierten Getränkemarkt kann man zwischen einem Dutzend Produkten wählen. Red Bull, Monster, Rockstar, Sexergy oder Strong Force sollen nach Gefahr und Abenteuer schmecken, wach machen und die Leistung steigern. Sportler setzen auf die bunte Vielfalt sogenannter Trainings Booster, die ebenfalls auf Koffeinbasis funktionieren. Inzwischen gibt es sogar "Energy Sweets" – eine Art koffeinhaltige Gummibären für Kinder.

Zwei Drittel aller Jugendlichen trinkt die Drinks regelmäßig

Für Millionen Menschen gehören Energydrinks zur täglichen Routine. Einer Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit zufolge gehören zwei Drittel aller Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren zu den gewohnheitsmäßigen Energydrink-Trinkern. Ein Viertel davon leert in der Regel den Inhalt von drei oder mehr Dosen nacheinander, beim Dauerzocken am Computer, in Clubs mit Alkohol gemischt oder bei Sportveranstaltungen.

In den USA gibt es immer wieder Berichte über Todesfälle nach der Aufnahme hoher Koffeinmengen vor allem über Energydrinks, auch in Europa häufen sich die Fälle. 2013 erlitt ein 23-Jähriger aus NRW bei einem Fußballspiel einen Herzstillstand. Zuvor hatte er mehrere Energydrinks konsumiert – zwei Dosen Monster in der Nacht, drei vor dem Spiel. Der 23-Jährige überlebte, aber sein Herz wurde geschädigt, seitdem trägt er einen Herzschrittmacher.

Widerstand gegen Verbote aus der Wirtschaft

Mediziner, Verbraucherverbände, auch die Weltgesundheitsorganisation fordern ein Abgabeverbot an Minderjährige und deutlichere Warnhinweise auf den Dosen. Foodwatch will, dass hochkonzentrierte Energy Shots komplett verboten werden. Die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke hält die Forderungen für "absolut unverhältnismäßig".

Auch die Politik sieht sich nicht in der Pflicht. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft verweist auf Anfrage auf eine Aufklärungskampagne sowie gesetzliche Höchstmengen. Diese seien vom Bundesamt für Risikobewertung so bemessen, "dass sie dem vorsorgenden gesundheitlichen Verbraucherschutz Rechnung tragen".

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