Hausbesuch

Klopf auf Holz ist Almut Anderssons tägliches Motto

Almut Andersson

Foto: Michael Rauhe

Almut Andersson

Bildhauerin Almut Andersson lebt mit ihrer Familie in einer Villa in einem Wald bei Seevetal – mit geschnitzten Möbeln und Skulpturen.

Seevetal.  Wald und Bäume – sie spielen im Leben der Holzbildhauermeisterin Almut Andersson eine große Rolle. Nicht nur lebt die 44-Jährige mit ihrem schwedischen Mann Benny und den vier Kindern Emil, Ada, Edith und Ella sowie ihrem Vater in einer alten Villa im Wald – die Familie verbringt auch die Ferien gern umgeben von viel Natur: in einem Bauernhaus in Schweden. Ohne Holz geht nichts bei den Anderssons.

"Als Holzbildhauer fertigt man nicht nur neue Stücke an, man ergänzt auch fehlende Stücke alter Schnitzereien oder restauriert sie", erzählt Almut Andersson. Wenn sie mit Knüpfel und Bildhauereisen arbeitet, entstehen kleine und größere Tierfiguren, Teile für Kirchen und Fachwerkhäuser, Möbel oder andere Stücke. Einen Fehler darf sich ein Holzbildhauer nicht erlauben, jeder Schlag muss richtig sitzen. "Deshalb arbeiten wir auch nicht mit einem Hammer, sondern mit dem runden Knüpfel", erklärt Almut Andersson. Da treffe man immer optimal die Mitte.

In ihrer Werkstatt im Erdgeschoss der Villa Knixberg – so die alte Flurbezeichnung des Grundstücks; hier arbeitet sie gemeinsam mit Benny, der gelernter Glaser und Möbelrestaurator ist – sind auch viele der Möbel entstanden, die in ihrer Wohnung stehen. Die große geschnitzte Bank im Wohnzimmer hat Almut Andersson jedoch ganz alleine hergestellt. Sie ist ihr Meisterstück. "Ich wollte etwas ganz Kleines ganz groß darstellen", sagt sie. Ihre Wahl fiel auf ein Insekt, auf die Gottesanbeterin. "Es musste ein Insekt sein, das auch aufrecht stehen kann." Entstanden ist eine archaisch anmutende Skulptur.

Möbel als Anschauungsstücke für Ausstellungen

Tiermotive schmücken auch andere ihrer Möbel. An den Beinen des Küchentisches, der den Namen "Fressen-und-gefressen-werden" trägt, finden sich Fische und andere kulinarische Motive. Auch die Holzbretter, die zum Frühstück aufgedeckt werden, hat Almut Andersson mit geschnitzten Motiven versehen. Es ist gemütlich in der großen Wohnküche der Familie; besonders, wenn der Wald tief verschneit ist, im Herd ein Feuer flackert, der Besuch bei Kaffee und schwedischem Kuchen um den Tisch mit dem markanten Namen sitzt und die Katze Resi, abseits des Trubels, ein ruhiges Plätzchen in der Ecke gefunden hat.

Viele Möbel sind als Anschauungsstücke für Ausstellungen und Messen entstanden. "Es sind alles Stücke, die speziell für unsere Wohnung gemacht wurden, aber doch bei einigen Kunden die Lust geweckt haben, sich auch solch ein Möbel anfertigen zu lassen." Das ein oder andere Stück ist auch aus Experimentierlust entstanden: So ein Schrank, dessen Türen aus gebogenen Eichenbrettern bestehen. Da seien viel heißer Dampf und Geduld im Einsatz gewesen, erzählt die Handwerksmeisterin.

Welche Hölzer sie am liebsten verwendet? Das komme auf das jeweilige Stück an. "Für jedes Motiv und zu jedem Moment gibt es das richtige Holz." Auch stilistisch ist Almut Andersson nicht festgelegt. Für das Bildhauerhandwerk müsse man ja auch ein Gespür für künstlerische Gestaltung und Design mitbringen. Es sei zwar ein traditionelles Handwerk, aber nicht nur die klassische Moderne, vom Jugendstil bis zum Expressionismus, fänden sich hier wieder, auch zeitgenössisch moderne Figuren und Ornamente ließen sich schnitzen.

Wanderjahre führten sie bis nach St. Petersburg

In vielen der Stücke, die sie für sich selbst angefertigt hat, ist jedoch Almut Anderssons Liebe zu Skandinavien zu erkennen. Die verschlungene Ornamentik der Wikinger sei immer wieder faszinierend, so die Bildhauerin. Wie sie zu ihrem Beruf gekommen ist? Um ein Haar hätte sie Jura studiert, doch dann entdeckte sie das Handwerk für sich. Nach einer dreijährigen Lehre an der Werkkunstschule in Flensburg, ist sie auf Wanderschaft gegangen. "Zweieinhalb Jahre und einen Tag, und dann habe ich noch ein halbes Jahr draufgelegt." Als wandernde Gesellin ist Almut Andersson weit herumgekommen. Sie war in Wien, Budapest, Göteborg und St. Petersburg. Ihr Wanderbuch ist dick. Wenn sie Gesellen auf der Wanderschaft sieht, hält sie sofort an. Einen Holzbildhauergesellen würde sie auch aufnehmen. Aber die trifft man selten. Dafür bietet sie Holzschnitzkurse an.

Unvergessen sind ihr die Aufenthalte in Göteborg und St. Petersburg. In der schwedischen Hafenstadt hat sie an einer Orgel gearbeitet und durfte den Drachenkopf für den Nachbau eines Wikingerbootes schnitzen. Und nebenbei hat sie Schwedisch gelernt. In der Villa Knixberg wird Schwedisch und Deutsch gesprochen. In St. Petersburg hat Almut Andersson an der Restaurierung der Peter-und-Paul-Festung mitgearbeitet – und nebenbei etwas Russisch gelernt.

Dann folgte die Meisterprüfung und ein Fortbildungsstipendium, das sie wieder nach Schweden führte. Hier lernte sie die Kunst des Vergoldens – und ihren Mann Benny kennen. Seitdem ist die Villa Knixberg in Seevetal ein kleines Stück Schweden im Landkreis Harburg.

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