Elbphilharmonie

Mirga Gražinyte-Tyla: Ein Name, den man sich merken muss

Gemischtes Doppel beim Schleswig-Holstein
Musik Festival: der Pianist Jan Lisiecki und die Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla

Foto: Claudia Hoehne

Gemischtes Doppel beim Schleswig-Holstein Musik Festival: der Pianist Jan Lisiecki und die Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla

Die Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra traten in der Elbphilharmonie auf.

Hamburg.  Wie anschaulich vertänzelnd sie Debussys "Prélude à l'après-midi d'un faune" dirigierte, dieser Anblick eines Profis bei der Arbeit wäre auch ohne hörbare Musik ein ­Genuss gewesen. Um diese zarte Musik herum flatterten ihre Hände, sie lockten, streichelten, modellierten den Klang in die Luft hinein, pegelten reaktionsschnell die Balance aus, wenn sich die Streicher einmal doch zu direkt aus dem ­dösigen Halbschatten dieses pastoralen Tagträumchens wagten.

Die Solo-Flötistin genoss ihren kleinen Spaziergang, niemand signalisierte ihr, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Das war kein Dirigat mehr, sondern eher eine Choreographie, von der das Publikum beim temperamentvollen Vorführen der Musik ebenso profitieren und lernen kann wie das Orchester selbst.

Alles floss

Keine harten Taktkanten, nichts spröde Sperriges hatte dieser Debussy, alles floss, elegant und mit der Durchsichtigkeit von Aquarellfarben, als ­bestünde dieses in wenigen Minuten skizzierte Idyll nur aus laszivem Schwärmen und klarer Schönheit. Körperspannung, Energie, federndes, freundliches Wollen stand dort im Mittelpunkt, mit einem enorm souveränen Kern allerdings auch. Natürliche Autorität, die man entweder hat oder eben nicht. Und die hörbare Musik, die war auch nicht schlecht.

Mirga Gražinyte-Tyla also. In den letzten Monaten einer jener Namen, von denen es immer wieder hieß: Muss man sich merken, sollte man nicht verpassen, ist gerade auf dem Sprung weiter nach oben. 1986 in Litauen geboren, Zwischenstopp beim Landestheater Salzburg. Beim Los Angeles Philharmonic als Associate Conductor und Zauberlehrling neben Gustavo Dudamel ­erfolgreich; beim City of Birmingham Symphony ­Orchestra (CBSO) – bei ­jenem offenbar stark karrierefördernden ­Orchester, das den jungen Simon Rattle groß und den jungen Andris Nelsons noch bekannter machte – ist sie seit 2016 Chefdirigentin. Beeindruckende Papierform.

Zu unmittelbar, zu forsch

Beim gemeinsamen Hamburg-Debüt im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) dirigierte sie einen Konzert-Abend, der zwar nicht durchgängig hielt, was einem die Vorschusslorbeeren so vollmundig von ihr versprachen. Der ­dafür aber andeutete, dass von dieser eigenwilligen, zielstrebigen Dirigentin noch eine Menge zu ­erwarten sein darf. Zu einer Karriere in dieser Aufbauphase gehört dann aber auch, dass etwas auf den Sprintstrecken durch die Branche interessant knapp daneben geht. Standardrepertoire spielt sich nun mal nicht von selbst, nur weil es Standard ist.

Im Großen Saal der Elbphilharmonie war es einerseits und ­zunächst die Art und Weise, wie Gražinyte-Tyla sich im unterstützenden Kontrast zum ­Solisten-Part in Chopins f-Moll-Klavierkonzert durchschlug: zu unmittelbar, zu forsch, zu markig. Es schien fast, als wäre ihr von jetzt auf gleich das Gespür für die Akustik-Spielregeln des Saals verloren gegangen, die sie wenige Minuten ­zuvor noch so ­galant im Griff gehabt hatte. Damit war sie allerdings in ­Gesellschaft, denn auch der Pianist Jan ­Lisiecki wusste nicht immer, wohin mit sich in dieser Musik.

Ausdauerbrillanz mit Abgeklärtheitsdefiziten

Im März erst hatte er sich, begleitet von Yannick Nezet-Séguin und den Rotterdamer Philharmonikern, am ersten Chopin-Klavierkonzert versucht, nun also, anderes Tour-Orchester, neues Glück, das zweite. Mit ähnlich ­uneindeutigem, aber anderem Resultat. Denn nun verließ sich der junge Kanadier sehr, zu sehr darauf, dass ein solider, vollgriffig platzierter Anschlag schon zu brauchbaren musikalischen ­Ergebnissen führen würde, je hartnäckiger er diese Maxime durchhielte.

Doch in der Umsetzung dieser einen Idee produzierte er vor allem: Noten. Ausdauerbrillanz mit Abgeklärtheitsdefiziten, getrieben von mitunter ins Leere perlenden Läufen, die Chopins Raffinement oft nur buchstabierten, anstatt die Musik zu spielen, anstatt spielerisch und verspielt mit ihr umzugehen. Chopin al dente.

Dirigentin entglitt die Stellschraube

Schade um die verpasste Chance, doch als kleine, feinere Wiedergutmachung wiederholte Lisiecki einfach seine ­Zugabe vom März, Chopins c-Moll-Nocturne op. 48/1, die schon damals die Nachspielzeit verschönte. Und hier, ein weiteres Mal, kam der Virtuose als Einzelgänger aus sich heraus und wurde zum sensibel gestaltenden Feinzeichner, der zur Ruhe fand und zum Wesentlichen vordrang. Beim nächsten Hamburger ­Lisiecki-Auftritt wäre es durchaus begrüßenswert, wenn bereits sein Haupt-Programmpunkt das Niveau der jeweiligen Zugabe erreichen könnte. Bei vielen anderen hat sich dieses Prinzip ­bewährt und durchgesetzt.

Gražinyte-Tyla hatte jedenfalls ­einiges aufzuholen und auszugleichen, nachdem sie die Kontroll-Zügel beim Chopin zu weit schleifen gelassen hatte. Strawinskys "Petruschka" war dafür eine herausfordernde, aber keine ideale Wahl. Das Stück hat mit seiner rustikalen Folklore-Rhythmik einen enormen Drive, kann aber auch flott ins saftig Plakative abrutschen, wenn die Spieluhr-Episoden zu sehr rumpeln. Immer wieder, insbesondere, wenn es im CBSO-Blech überlaut zu werden drohte, entglitt der Dirigentin ihre Stellschraube fürs große Ganze.

Kleine Enttäuschung

Nach der Fingerspitzenarbeit beim Debussy war diese allzu energische Aufbereitung eine kleine Enttäuschung. Doch auch eine Enttäuschung, die verschmerzbar war, denn ihre Messlatte hatte die Dirigentin schließlich selbst so hoch gehängt. Um kurierbare Ausrutscher auf diesem Qualitätsniveau dürften viele junge Kolleginnen und Kollegen sie ­immer noch beneiden.

Am 25. November sind Mirga Gražinyte-Tyla und das CBSO erneut in der Elbphilharmonie zu Gast, dann mit Werken von Mozart, Elgar, Messiaen und Debussy. Solistin: Vilde Frang (Violine). Das Konzert ist ausverkauft.

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