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Kommentar

Bluttat von Barmbek – tödliche Fehleinschätzungen

Kommentarkopf Stephan Steinlein

Foto: Michael Rauhe

Kommentarkopf Stephan Steinlein

Der Fall wirft Fragen auf zu unserer Willkommenskultur, zur hier gelebten Freizügigkeit und unserem Umgang mit Flüchtlingen.

Zumindest die Zyniker unter denen, die Verantwortung tragen in Polizei und Rathaus dürften einen Vorteil sehen im kollektiven Scheitern, das sich in Zusammenhang mit dem Anschlag von Freitag in Hamburg aufzeigt: Wenigstens redet jetzt niemand mehr über G20, die Folgen und Fehler, die hier gemacht wurden. Denn was sich auftut an Fehleinschätzungen und Versäumnissen im Fall des 26-Jährigen, der in Barmbek einen Menschen erstochen und etliche weitere Unschuldige verletzt hat, ist so atemraubend, dass kaum noch Luft bleibt für weitere Empörung.

Um wen es geht? Zum einen – wieder einmal – um das BAMF, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Im Frühjahr 2015 reiste der Tatverdächtige von Freitag in Deutschland ein, also noch vor der dramatischen Überlastung des Amtes in Folge des Flüchtlingszustroms im Herbst des selben Jahres. Der Mann kam aus – Skandinavien, wo er zuletzt gelebt und Zeit hatte, Norwegisch und Schwedisch zu lernen.

Warum er in Hamburg untergebracht wurde, statt ihn zurück ins sichere Drittland Norwegen oder Schweden zu schicken – das bleibt vorerst das Geheimnis des Amtes, das auch schon in den Fällen Anis Amri und Franco A. versagt hat. Wie im Fall des Berliner Weihnachtsmark-Attentäters hat das in letzter Konsequenz Leben gekostet. Dieses Amt hat es offensichtlich bis heute nicht geschafft, die Identitäten von Tausenden von Flüchtlingen zu klären, die hier leben.

Bekannter alarmierte die Polizei

Kommen wir zu den Hamburger Behörden. Im August 2016 hat ein guter Bekannter des Messerstechers die Polizei alarmiert und vor der Radikalisierung des Mannes gewarnt. Bis dato war der dem Leben zugewandt, feierte fröhlich, trank auch gern mal Alkohol. Und plötzlich: Nichts mehr davon. Stattdessen, so der Zeuge, habe sein Freund, der spätere Täter, das Gespräch über den Koran gesucht und sich in seltsame Gewänder gehüllt.

Hier scheint zunächst behördlich noch alles nach Plan gelaufen zu sein: Der Verfassungsschutz suchte den Mann auf, diagnostizierte nach ersten Gesprächen eine psychische Instabilität und einen religiös motivierten Wandel. Und er empfahl eine weitergehende sozial-psychiatrische Untersuchung. Eine unmittelbare Gefährdung sah man trotz all dieser Hinweise dennoch nicht.

Tat nicht zugetraut

Und die Polizei? Sie hat es in all den Monaten bis heute nicht geschafft, die empfohlene psychiatrische Untersuchung vornehmen zu lassen. Warum? Das nächste traurige Eingeständnis bei der Pressekonferenz im Rathaus: Keine Ahnung. Das musste Polizeipräsident Ralf Martin Meyer zugeben. Man habe die zuständigen Beamten noch nicht erreichen können, um das zu klären.

Nochmals: Im Sommer 2016 gab es den klaren Hinweis auf die Radikalisierung des Mannes, bis heute aber keine entsprechende eingehende Untersuchung oder die Erkenntnis, warum das so ist. Der nächste Fehler: Die Innenbehörde, gestand Senator Andy Grote im Rathaus ein, habe dem Palästinenser eine solche Straftat nicht zugetraut. Das sei Voraussetzung für eine Einstufung als "Gefährder" gewesen.

Und so galt der Messerstecher zwar als einer von 800 gespeicherten Islamisten – aber eben nicht als Dschihadist. Eine tödliche Fehleinschätzung. Was die Behörden in trügerischer Sicherheit wog: Der 26-Jährige war nach abgelehntem Asylantrag bereit, auszureisen, arbeitete an seiner Abschiebung sogar aktiv mit. Nur kam sie bislang halt nicht zustande.

In Deutschland zum Attentäter entwickelt

Es gibt Parallelen zwischen dem Fall von Freitag und anderen Anschlägen und Angriffen im Deutschland der vergangenen Monate: Einige Täter scheinen sich hier erst derart radikalisiert zu haben, dass sie zu solchen Taten fähig wurden. Sie sind nicht als Attentäter gezielt ins Land geschleust worden, sondern haben sich hier zu einem entwickelt.

Das wirft Fragen auf auch zu unserer Willkommenskultur, zur hier gelebten Freizügigkeit und unserem Umgang mit Flüchtlingen. Wie lässt sich menschliches Versagen minimalisieren? Wie gehen wir um mit Fällen, in denen psychische Labilität sich paart mit irrlichterndem Glaubenswahn? Wissen wir genug über die Menschen, die zu uns gekommen sind? Tun wir genug, Radikalisierungen zu erkennen? Schreiten wir dann schnell und konsequent genug ein? Sind unsere Apparate ausreichend ausgestattet? Offensichtlich nicht.

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