Meinung
Leitartikel

US-Präsident Trump spielt mit Feuer

Statt verbaler Eskalation ist im Nordkorea-Konflikt Diplomatie gefragt

"Nordkorea wird die größte politische Baustelle deiner Amtszeit." So in etwa hatte es Vorgänger Obama, der sich bei der Einhegung des atomaren Expansionsdrangs von Diktator Kim Jong-un nicht mit Ruhm bekleckert hat, dem neuen Mann im Weißen Haus prophezeit. Nach der jüngsten Episode im Krieg der Worte zwischen Washington und Pjöngjang mehren sich die Anzeichen, dass Donald Trump dieser Aufgabe mental und strategisch nicht gewachsen ist. Mit seinem "Feuer und Zorn"-Auftritt hat sich der Kommandeur der größten Streitmacht der Erde ohne Not eine rote Linie gezogen. Jede künftige Grenzüberschreitung Nordkoreas im geopolitischen Kräftemessen lässt Trumps Glaubwürdigkeit erodieren, wenn er untätig bleibt. Wenn das die "Kunst des Deals" sein soll, na dann gute Nacht.

Wegen absehbar apokalyptischer Folgen in Asien und darüber hinaus verbietet sich jedes militärische Zündeln im Nordkorea-Konflikt. In der Region kann ein einziger Raketenangriff eine globale Kettenreaktion auslösen. Die Mär vom chirurgisch begrenzbaren Eingriff muss im Keim erstickt werden. Wie auch die Legende, bei Kim Jong-un handele es sich um einen Irren mit suizidalen Tendenzen. Der Mann kalkuliert scharf. Und das bisher nicht ohne Erfolg. Nur Sanktionen, diplomatische Standfestigkeit und am Ende direkte, für beiden Seiten gesichtswahrende Verhandlungen zum Einfrieren des Konflikts unter Einbindung der Vereinten Nationen dürfen bei rationaler Betrachtung im Mittelpunkt stehen. Und wasserdichte Fakten.

Die Ursünde um die von Amerika folgenschwer herbeigelogenen Massenvernichtungswaffen im Irak darf sich nicht wiederholen. Bis zum Beweis des unabhängig überprüfbaren Gegenteils sind darum Zweifel angebracht, wenn die USA Nordkorea plötzlich über Nacht die technologische Befähigung zu einem atomaren Erstschlag andichten und mit drakonischen Gegenmaßnahmen drohen. Die Eilbedürftigkeit, die aus Washington suggeriert wird, wirkt interessengeleitet. Will Trump mit einem außenpolitischen Abenteuer sein klägliches innenpolitische Versagen überdecken?

Dass man diese Frage fast genau 72 Jahre nach den Atombomben-Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki stellen muss, illustriert die ganze Misere. Man traut diesem Präsidenten, der Unberechenbarkeit und Hemdsärmeligkeit zur Staatsräson erklärt, nach sechs Monaten Amtszeit Dinge zu, die man vor einem Jahr nicht einmal laut ausgesprochen hätte.

Trumps martialische Wortwahl löst noch keinen Krieg aus. Aber sie begünstigt Missverständnisse, falsche Interpretationen, Überreaktionen. Verbale Abrüstung, wie sie Außenminister Rex Tillerson praktiziert, ist darum dringend geboten. Man kann nur hoffen, dass er sich gemeinsam mit den "Erwachsenen im Raum", den Generälen Kelly, Mattis und McMaster, durchsetzt gegen jene, die in Trumps Entourage ernsthaft militärisches Vabanque in Nordkorea spielen wollen.

Der Schlüssel liegt nach wie vor im chinesisch-amerikanischen Verhältnis. Nur mit Peking an seiner Seite kann Washington den Druck aufbauen, der Kims Kalkül durchkreuzt und ein Einlenken herbeiführen kann. Allein, der im Frühjahr ausgerufene Honeymoon mit Chinas Präsident Xi ist verblüht. Auch das geht auf die Kappe von Trump. Der Präsident muss seine Worte genauer abwägen. Ab sofort kann jeder Satz über Krieg oder Frieden entscheiden.

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