Meinung
Zwischenruf

Unser Karl – der freigeistige Fahrstuhl

Ich nenne ihn Karl. Ich weiß nicht, ob manche Kollegen andere Namen bevorzugen, bin mir aber ziemlich sicher, dass die meisten ihn denn doch schlicht als Fahrstuhl bezeichnen würden. Er ist der zweite links von vieren, die wir hier beim Abendblatt haben. Sie sind alle durchaus baugleich, allerdings sehr verschieden. Vor allem charakterlich.

Karl hat sich seinen Namen verdient, weil er, nun ja, zu gewissen Eigensinnigkeiten neigt. Er hat einen kräftigen Spleen und ist nicht immer ganz leicht zu handhaben. Auf den Punkt gebracht: Karl ist eine Diva. Eben so wie Karl L., der einst aus Bad Bramstedt in die Ferne zog, um mit dunkler Brille und Pferdeschwanz die Modewelt zu erobern.

Die anderen drei Fahrstühle sind ausgesprochen zuverlässige Dienstleister, die ohne Murren jeden Wunsch der Fahrgäste erfüllen. Sie fahren nicht nur stets in die gewünschte Richtung, sondern stoppen auch tatsächlich dort, wo der Fahrgast aussteigen möchte. Von Karls Standpunkt aus betrachtet, sind sie Spießer und Langweiler. Denn Karl fügt sich zwar meist den Wünschen der Knopfdrücker – aber keineswegs immer. Manchmal hat er offensichtlich einfach keine Lust.

In diesen Fällen lässt er seine Benutzer eintreten, schließt auch die Tür, bewegt sich aber nicht von der Stelle. Das kennen wir alle natürlich schon. Um Karl doch noch zum Aufstieg zu bewegen (runter fährt er immer!), wurden diverse Taktiken entwickelt. Manche steigen aus, um den Knopf erneut zu drücken, andere springen im Fahrstuhl auf und ab, manche reden sanft auf ihn ein. Mit überschaubarem Erfolg. Wenn dann alle wieder ausgestiegen sind, um einen normalen Fahrstuhl zu benutzen, fährt er plötzlich los. Manche schwören, dabei ein leises Kichern gehört zu haben.

Wenn Karl gar keine Lust hat, bleibt er auch stecken. Glücklicherweise macht er das in der Regel bei Leerfahrten. Karls Erbauer waren selbstverständlich schon oft da, um nach ihm zu schauen. Technisch, versichern sie jedes Mal, sei mit Karl alles in Ordnung.

Anfangs habe ich mich sehr geärgert. Mittlerweile aber hab ich ihn richtig gern. Karl ist aus der engen Fahrstuhlwelt des Befehls und Gehorsams ausgebrochen. Ein stahlgewordener Nonkonformist und Freigeist! Und ich bin mir sicher, dass er manchmal nachts, wenn niemand im Gebäude ist, hoch- und runterrast. Nur so zum Spaß.

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