Prozess in Kiel

Mord beim Sexspiel – Rätsel um den Tod eines Steuerberaters

Die Angeklagte Franziska K.  muss sich wegen heimtückischen Mordes verantworten

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Angeklagte Franziska K. muss sich wegen heimtückischen Mordes verantworten

Er ließ sich lustvoll fesseln, sie holte ein Messer. Wegen Mordes steht eine Prostituierte vor Gericht. Ihre Erklärung: ein Blackout.

Kiel. In einer Verhandlungspause stützt die schlanke Frau ihren Kopf auf die verschränkten Arme. Ruhig verfolgt sie die Befragung der Zeugen im Saal 232 des Kieler Landgerichts. Dort muss sich die 28 Jahre alte Prostituierte seit Freitag wegen heimtückischen Mordes an einem Steuerberater verantworten. Bislang schweigt die Frau zu den Vorwürfen. "Die Verantwortung für den Tod bestreitet sie aber nicht", sagt ihr Verteidiger Kai Dupré. Sämtliche Umstände sprächen dafür, dass nur sie für die Tat in Frage komme. "Wie es dazu gekommen ist, wird noch aufzuklären sein."

Vier Verhandlungstage hat die Kammer unter dem Vorsitz von Jörg Brommann dafür eingeplant. Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Frau soll den 58-Jährigen am 12. Oktober 2016 beim Sexspiel in dessen Wohnung in Bad Segeberg mit zwei Messerstichen schwer verletzt haben. Das Opfer verblutete wenig später. Zuvor hatte sie ihm laut Anklage mit Krawatten die Hände gefesselt und seine Augen verbunden.

Angeklagte erzählt zwei Versionen der Tat

Doch wie kam es dazu? Die Angeklagte erzählte nach ihrer Festnahme zwei Versionen. Bei einer Untersuchung in einem Krankenhaus kurz nach der Tat berichtete sie einer Ärztin laut Aussage eines Polizisten, der bei dem Gespräch dabei war, das spätere Opfer habe sie seinen Freunden zum Sex angeboten und 8000 Euro für Immobilien von ihr verlangt. Das habe sie nicht mehr gekonnt. "Sie gab an, von dem Täter in der Vergangenheit verprügelt und gefesselt worden zu sein", sagte der Beamte. Zudem sei sie vergewaltigt worden. Sie habe der Welt einen Gefallen getan, dem Mann "hoffentlich ins Herz gestochen", habe die Frau gesagt, und auch von einem "anderen Ich" berichtet.

Am nächsten Tag stellte sie das Geschehen in einer Vernehmung bei der Kriminalpolizei anders dar. Sie habe von einem Blackout gesprochen, sagte ein Ermittler vor Gericht. Nachdem sie bereits allein eine Flasche Sekt getrunken habe, will sie mit dem späteren Opfer eine weitere Flasche geleert und auch noch Weißwein getrunken haben. Streit habe es dabei laut ihrer Aussage nicht gegeben. "Wir hatten den Eindruck, es war doch ein etwas innigeres Verhältnis", sagte der Polizist. Sie selbst habe gar von einer "Affäre" gesprochen.

Prostituierte spricht von Erinnerungslücken

Dem Ermittler berichtete die Angeklagte, sie habe den Steuerberater an jenem Abend – im Gegensatz zu den anderen, etwa zweimal pro Monat erfolgten Treffen – fesseln sollen. Dieser habe sich dafür nackt auf das Bett gelegt. Danach habe sie jedoch Erinnerungslücken. Ihre nächste Sequenz sei gewesen, dass der Mann sie vor dem Bett gewürgt habe. Sie erinnere sich auch an einen Streit im Flur der Wohnung. Dann folge eine Sequenz in der Küche. "Es rumst. Sie hat Pfefferspray im Gesicht", erinnerte sich der Beamte an die Aussage.

Opfer und Angeklagte kannten sich schon länger. Nach Erkenntnis der Ermittler hatte der Mann auf ein Inserat der Frau in einem Internetportal geantwortet. Nach der Attacke setzte er noch einen Notruf ab. Beim Eintreffen der Polizei soll die Frau sich in der Küche verschanzt haben.

Schwestern berichten von psychischem Leiden

Eine wichtige Rolle spielen in dem Verfahren die psychischen Probleme der Angeklagten. Ihre beiden Schwestern schilderten ihre Gefühlsschwankungen, Ritzen und Suizidversuche. Die Angeklagte habe davon gesprochen, schizophren zu sein, sagte eine Schwester. Alkohol sei der Auslöser für Gemütsveränderungen gewesen. Dann habe sie auch "Gewalt gegen sich und andere" verübt. Mehrfach sei sie deshalb in Behandlung gewesen, habe auch Psychopharmaka genommen. "So wirklich geholfen hat aber keine der Therapien, die sie gemacht hat", sagte die andere Schwester. Beide beschrieben sie als intelligent, mitfühlend und nachdenklich.

Eine Betreuerin berichtete vor Gericht von einem Suizidversuch der Frau wenige Wochen vor der Tat. Ein psychiatrischer Sachverständiger soll den Zustand der ursprünglich aus Görlitz stammenden Frau untersuchen. Sein Gutachten wird auf Antrag der Verteidigung allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgestellt.

Verteidiger Dupré bezweifelt, dass sich der Mordvorwurf aufrechterhalten lässt. Das Urteil könnte bereits Ende kommender Woche verkündet werden.

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