Norderstedt
Sülfeld

Er ist der Arzt, dem das ganze Dorf vertraut

Jan Christian Wulff hat täglich rund 40 Patienten, manchmal arbeitet er bis 21 Uhr. Früher forschte er im Gebiet der Knochenmarktransplantation

Foto: Christopher Herbst / HA

Jan Christian Wulff hat täglich rund 40 Patienten, manchmal arbeitet er bis 21 Uhr. Früher forschte er im Gebiet der Knochenmarktransplantation

Jan Christian Wulff praktiziert seit 1985 in Sülfeld. Statt in Rente zu gehen, kümmert er sich um bis zu 40 Patienten am Tag.

Sülfeld.  Wie viele Mitbürger es genau waren, die er in seiner Praxis begrüßt hat? Jan Christian Wulff hat keine Ahnung, er vermag es nicht einmal zu schätzen. Seit 1985 ist er der ansässige Landarzt in der Gemeinde Sülfeld, vermutlich hat so gut wie jeder Einwohner des Ortes schon einmal das Haus an der Oldesloer Straße betreten. "Ein Kind, das ich damals als Säugling kennengelernt habe, ist heute 35 und hat selbst Kinder. Da sind menschliche Beziehungen entstanden, die sich ein Spezialist nicht vorstellen kann."

Während in einigen Regionen im nördlichen Schleswig-Holstein gravierende Probleme bestehen, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum zu gewährleisten, kann davon in Sülfeld keine Rede sein. Das gesetzliche Rentenalter hat Wulff zwar schon überschritten (sein genaues Alter möchte er nicht nennen), doch für Ärzte gibt es infolge einer Gesetzesänderung seit 2009 keine Altersgrenze mehr. Das ist gut, denn der gebürtige Hamburger könnte sich keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen. "Sülfeld ist ein grandioser Standort für einen Allgemeinarzt. Ich gehe aus dem Haus, kann joggen, radfahren, die Vögel zwitschern, ich sehe Rehe. Die Vorteile des Landlebens können mit den meisten Vorteilen der Stadtrandgebiete verbunden werden."

Pro Tag 40 Patienten aus der ganzen Region

Viel zu tun ist trotzdem. Rund 40 Patienten sind es pro Tag, nicht nur aus Sülfeld, sondern aus der gesamten Region und darüber hinaus. Der Grund: Wulff ist ein Experte auf dem Fachgebiet der Naturheilverfahren; Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet suchen seine Hilfe, erst kürzlich kam ein Patient aus Düsseldorf angereist.

Nun ist es keinesfalls so, dass der vierfache Vater schon nach Erhalt seiner Approbation den Wunsch verspürte, in einem Dorf tätig zu sein. Ganz im Gegenteil. Zunächst ging Wulff zur Bundeswehr, war dort Stabsarzt bei der Marine, untersuchte Taucher und Kampfschwimmer. Danach kehrte er Deutschland den Rücken. "Ich war damals eher unternehmungslustig, ich wollte etwas von der Welt sehen."

Die Chance ergab sich, weil er sich für seine Doktorarbeit mit einem damals noch relativ unerforschten Gebiet befasste: der Knochenmarktransplantation. Als wissenschaftlicher Assistent ging er von Kiel nach Seattle. Dort suchte ein Team unter Leitung von E. Donnall Thomas, der 1990 den Nobelpreis erhielt, nach Wegen, die Prozedur sicherer zu machen.

Sülfeld statt Seattle

"Die Zeit in den USA war fantastisch", sagt Jan Christian Wulff. Der Versuch, eine Greencard zu bekommen, scheiterte jedoch an der Einwanderungsbehörde – vorerst. Er entschied sich, mit seiner Familie zurück nach Kiel zu gehen – erst dort erhielt er die Nachricht der US-Behörden, er könne eine Greencard erhalten. Doch es war zu spät. Aber, so Wulff: "Es ist nicht schade. Der Weg, den ich gegangen bin, ist ein großartiger."

Nur: Als er am Universitätsklinikum Kiel das Zentrum für Knochenmarktransplantationen aufbaute, merkte er, dass der Krankenhausalltag nicht seinen Vorstellungen entsprach. Und ging. "Von einem Tag auf den anderen war ich raus aus der Forschung." Er bewarb sich in Sülfeld, erhielt die Stelle, und bereut nichts. "Was ich nicht für möglich gehalten habe, ist die ungeheure Vielfalt. Es gibt Hunderte, Tausende verschiedener Fragestellungen. Es wird nie langweilig."

Zum Glück gibts die Wohnung über der Praxis

Grundsätzlich ist der Internist die erste Anlaufstelle für Patienten. Je nach Diagnose liegt es an ihm zu bewerten, ob jemand weiterverwiesen werden muss. "Ich muss schnell entscheiden." Aber, und das ist ihm wichtig zu betonen, niemand wird abgefertigt. "Von der Zwei-Minuten-Medizin halte ich gar nichts." In seiner Praxis ist Wulff, der mittlerweile in Plön lebt, der einzige Arzt, ihm stehen drei Sprechstundenhilfen zur Seite. Hausbesuche gehören zum Alltag genauso wie Visiten in Seniorenheimen, manchmal arbeitet er bis 21 Uhr, er übernachtet dann in der kleinen Wohnung über der Praxis. Was viele Menschen vergeblich suchen, die perfekte Work-Life-Balance, Jan Christian Wulff hat sie offenbar gefunden. "Ich leben nahezu stressfrei.".

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