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Rellingen

Linda Zervakis ist auch mit Technikproblemen klasse

Rellingen Rathaus Galerie Lesung Linda Zervakis "Königin der bunten Tüte"

Foto: Elvira Nickmann / HA

Rellingen Rathaus Galerie Lesung Linda Zervakis "Königin der bunten Tüte"

Wie Tagesschau-Sprecherin und Autorin, selbsternannte "Königin der bunten Tüte", das Publikum für sich gewinnt

Rellingen.  "Guten Abend, meine Damen und Herren", so begrüßt Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis ihr Publikum. Allerdings nicht aus dem Studio heraus, sondern live von der Bühne der ausverkauften Rellinger Rathaus Galerie. "Das kriegt man nicht mehr raus", schiebt sie fast entschuldigend nach und zeigt ein strahlendes Lächeln. Statt Nachrichten liest die Sprecherin aus ihrem Buch "Königin der bunten Tüte" über ihre Kindheit und Jugend im Hamburger Süden als Kind griechischer Einwanderer.

An Technik braucht Zervakis für ihre Lesung nur ein Mikrofon, umso ärgerlicher, dass nicht einmal das richtig funktioniert. "Hier ist es quasi noch aufregender für mich, weil ich ja die Reaktionen direkt mitbekomme", hatte sie eingangs noch gesagt. Trotz Klagen aus dem Publikum bleibt technische Hilfe aus. Also begibt sich Zervakis lieber in unbequeme Haltung, als ihren Zuhörern schlechte Akustik zuzumuten.

Dank ihrer unkomplizierten Art nimmt sie das Publikum schnell für sich ein. Die Handlung des Buches ist gleichsam berührend und amüsant geschildert. Zervakis erzählt, dass sie bereits in jungen Jahren wusste, dass sie einmal vor der Kamera stehen wollte – trotz aller Hindernisse. Mussten ihre Eltern noch ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, kämpfte das Mädchen vor allem gegen Vorurteile. Anders als andere Schüler arbeitete sie nach der Schule und am Wochenende im Kiosk ihrer Eltern mit. Wie die bunten Tüten mit Süßigkeiten waren auch die Kunden eine bunte Mischung: Banker neben Trinker, Doktor neben Hausfrau. Einige Charaktere erweckt sie auf den Seiten des Buches zum Leben. Darunter den "Stinker", einen Kunden, nach dessen Besuch sich die Kinder Wäscheklammern gegen dessen Geruch auf die Nasen setzten, was Zervakis an dieser Stelle zum Vergnügen der Zuhörer ebenfalls tut.

Als Linda älter wurde, schämte sie sich für vieles, was sie von den gutsituierten Mitschülern unterschied: "lila Breitcordhose in Kombi mit beigefarbenem Feincord-Anorak" als Erbe ihres Bruders, eine große Nase, Zahnspange, Trichterbrust, Brille, Mireille-Mathieu-Frisur und buschige Augenbrauen. Ein "Schneewittchen rückwärts" sei sie gewesen, so Zervakis. Daher bittet sie das Publikum, sich mittels ausgeschenktem Ouzo das hässliche Entlein ihrer Jugend schön zu trinken, bevor sie das betreffende Kapitel liest. Mit einem fröhlichen "Jamas" stößt sie mit den Zuhörern an, um dann gemeinsam wieder einzutauchen in die Welt ihres jüngeren Ich.

Ihre Karriere zeigt, dass der Balanceakt zwischen den verschiedenen Welten gelungen ist. "Vom hässlichen Entlein haben Sie sich aber ganz gut gemausert", bescheinigt ihr eine Zuhörerin in der abschließenden Fragerunde. Dazu ist es eine Freude, ihrer Geschichte zu lauschen: eine gelungene Lesung der sympathischen Moderatorin.

Wer die Lesung in Rellingen verpasst hat, kann Zervakis im Hamburger Umland auch am 14. Juni in Buchholz (Kreis Harburg) oder am 16. Juni in Kisdorf (Kreis Segeberg) zuhören.

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