Pinneberg
Kreis Pinneberg

Apotheken in der Region werden immer weniger

Dorothea Oellerich (v.l.), Sabine Hesel, und Alexandra Heisch beraten in der Adler Apotheke in Pinneberg

Foto: Andreas Daebeler / HA

Dorothea Oellerich (v.l.), Sabine Hesel, und Alexandra Heisch beraten in der Adler Apotheke in Pinneberg

Fachkräfte wandern in Hamburgs Pharmaindustrie ab, Bürokratie macht es Betreibern schwer – doch es gibt Überlebensstrategien.

Kreis Pinneberg.  Sabine Hesel steht zwischen beschrifteten Dosen. Zwischen Unmengen davon. Camphora ist auf einer zu lesen. Cera Alba auf einer anderen. Und Arbicae. Was für manch einen wie böhmische Dörfer klingt, ist für Hesel vertraut. Kampfer, Bienenwachs und Arnikablüten werden in der mitten in Pinnebergs City gelegenen Adler-Apotheke häufig verwendet.

Hier, vis-à-vis der barocken Landdrostei, arbeitet Sabine Hesel seit 40 Jahren. Sie ist Zeugin des tiefgreifenden Wandels einer Branche, die zunehmend kämpfen muss. Im Kreis Pinneberg ist die Zahl der Apotheken in den vergangenen fünf Jahren um 9,2 Prozent zurückgegangen. Nur 69 sind es noch.

Hunderte von Apothekern im Land arbeiten in der Industrie

Und das hat Gründe. Betreiber klagen über bürokratische Hürden und Online-Konkurrenz mit Dumpingpreisen. Die Apothekerkammer berichtet zudem von dramatischem Fachkräftemangel. Deren Geschäftsführer Frank Jaschkowski nennt einen Grund: "Im Kreis Pinneberg ist die Situation wegen der Nachbarschaft zu Hamburg besonders angespannt", sagte er. Gut ausgebildete Arbeitnehmer ziehe es auf den Arbeitsmarkt der Hansestadt. Stellengesuche von Fachkräften gebe es im südlichen Schleswig-Holstein derzeit so gut wie gar nicht. "Nur die Apotheken suchen."

Verschärft werde die Situation durch die in der Metropolregion ansässige Industrie. "Auch bei Unternehmen sind Apotheker sehr gefragt", so Jaschkowski. "Große Pharmafirmen locken mit attraktiven Konditionen und Jobmodellen." Aktuell seien in Schleswig-Holstein rund 400 Apotheker in der Industrie und bei Krankenkassen beschäftigt, sagt der Kammerchef.

Jaschkowski beklagt zudem "eine weiter voranschreitende Kommerzialisierung der Arzneimittelversorgung", die es alteingesessenen Apothekern immer schwerer mache. Nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, die Preisbindung für Versandapotheken aufzuheben, hätten die Probleme zugenommen. "Die Erträge sinken", sagt Jaschkowski. Die Zukunftsprognose seiner Kammer zeigt eine klare Tendenz auf: "Wir gehen von jährlich anderthalb Prozent weniger Apotheken im Land aus", bestätigt Jaschkowski.

Vor allem für ältere und weniger mobile Menschen, die regelmäßig auf Arzneimittel angewiesen sind, kann die Schließung der Apotheke vor der Haustür einen schmerzhaften Einschnitt bedeuten. Das weiß auch Hartmut Schwartz, Seniorchef der Adler-Apotheke, die es seit mehr als 250 Jahren gibt. Bei Kunden setzt er verstärkt auf den Faktor Beratung. Und auf Verfügbarkeit: "Wir versuchen, ständig alles vorrätig zu haben", sagt der 75-Jährige. Fachkräfte bildet er selbst aus – und versucht, sie möglichst lange zu halten: "Das Betriebsklima ist wichtig", sagt der Apotheker. "Und die Kunden wissen, wer sie bei uns bedient." Wie zum Beweis konnten neben Sabine Hesel mit Alexandra Heisch und Dorothea Oellerich zwei weitere langjährige Mitarbeiterinnen beglückwünscht werden. "Solche Angestellten sind das Erfolgsgeheimnis."

Sein 50-jähriger Sohn Christopher Schwartz berichtet derweil von bürokratischen Hemmnissen, die das Geldverdienen für die Zunft immer schwerer machten: "Jeder Ausgangsstoff muss geprüft, jede Rezeptur dokumentiert werden", sagt er. Das binde Personal. Die Zeiten, da ein Salbe kreiert und sofort vom Kunden mitgenommen werden konnte, seien vorbei. "Was früher in drei Minuten ging, dauert heute mindestens eine Stunde. Vor allem älteren Kunden ist das nicht immer leicht zu vermitteln." Dokumente müssten über Jahre aufbewahrt werden. "Es werden Industriemaßstäbe angesetzt, manch einer von uns sitzt mittlerweile mehr im Backoffice als im Verkaufsraum."

In Pinnebergs Adler-Apotheke, die 50 Mitarbeiter beschäftigt, brummt das Geschäft, während andernorts Apotheken schließen. Hartmut Schwartz kennt einen triftigen Grund: "Es ist immens wichtig, Ärzte im Haus zu haben." Am Drosteiplatz in Pinneberg ist das so. Für den alteingesessenen Apotheker Grund genug, optimistisch in die Zukunft zu schauen. "Der Beruf hat trotz aller Probleme Zukunft", sagt er. Für die Adler-Apotheke künftig auch im Internet? "Wir haben eine Lizenz für den Versandhandel, aber der Einstieg lohnt sich nicht", sagt Christopher Schwartz. Die Preise von holländischen Versandapotheken könne man nicht halten. Er befürworte ohnehin ein Versandverbot für rezeptpflichtige Arznei.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Abendblatt Digital

Testen Sie jetzt 2 Wochen gratis das digitale Hamburger Abendblatt!