Pinneberg
Kreis Pinneberg

Gymnasien fordern mehr Schulsozialarbeiter

Warum werden an Gymnasien mehr Schulsozialarbeiter gebraucht als früher?

Foto: Franziska Kraufmann / dpa

Warum werden an Gymnasien mehr Schulsozialarbeiter gebraucht als früher?

Bedarf an Sozialarbeit steigt auch an Gymnasien im Kreis Pinneberg. Ist der Wegfall der Schulartempfehlung ein Grund dafür?

Kreis Pinneberg.  Besuchen zu viele Jugendliche ein Gymnasium, obwohl sie es lieber lassen sollten? Und zieht dieses Zuviel Probleme nach sich, die so groß sind, dass sie von Schulsozialpädagogen gelöst werden müssen? Es gibt Schulleiter im Kreis Pinneberg, die das so sehen. Einer von ihnen ist Bertram Rohde, Direktor des Wedeler Johann-Rist-Gymnasiums. Er hat seine Gedanken in einem Brief an die Stadtverwaltung formuliert. Die Schule brauche mehr Schulsozialarbeit, weil die amtierende 30-Stunden-Kraft nicht mehr in der Lage sei, den anfallenden Bedarf abzudecken, so Rohde.

Schulleiter: Klientel am Gymnasium hat sich geändert

Er schreibt: "Wie kommt es zu dieser Situation? Verschiedene Faktoren lassen sich klar benennen: eine grundsätzlich veränderte Klientel am Gymnasium (nicht mehr 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler machen Abitur, sondern 50 Prozent). Dies führt auch zu einer anderen Mischung sozialer Themen." Und weiter: "Der Wegfall der Schulartempfehlung führt zu einer erhöhten Zahl von Kindern, die leistungsmäßig auf dem Gymnasium nicht richtig aufgehoben sind. Diese Situation führt zum einen zu sozialen Belastungen aufgrund der Probleme im Bereich Leistung, zum anderen bringen diese Kinder – so die vorurteilsfreie Erfahrung – auch von sich aus Themen mit, deren Bearbeitung dann hier anfällt."

Mal gehe es um den "zwischenmenschlich oder datenschutzrechtlich problematischen Umgang mit dem Handy", mal um die Begleitung einer Familie, die in ein vermeintlich sicheres Herkunftsland abgeschoben werden soll, so Rohde im Gespräch mit dieser Zeitung. "Das Spektrum reicht von zwei Gesprächen bis hin zu einer mehrmonatigen Begleitung, in die auch Klassenkameraden oder die ganze Familie eingebunden sein können." Von einer 30-Stunden-Kraft kaum zu leisten, sagt er: "Bei 30 Stunden Sozialarbeit für 900 Schüler ergibt sich rechnerisch eine Stunde pro Woche für 30 Schüler."

Auch Rohdes Elmshorner Amtskollege Peter Rosteck vom Gymnasium Bismarckschule spricht von einer "Veränderung der Schülerschaft durch viele Faktoren". Einer dieser Faktoren: "Es gibt durch den Wegfall der Schulartempfehlung einen veränderten Zustrom zu den Gymnasien", sagt Rosteck. Druck von Eltern, die eine Erwartungshaltung haben, Schüler, die dann mit sich und ihrer Situation unzufrieden sind – das berge Konfliktpotenzial. Und Bernd Schauer, Landesgeschäftsführer der Lehrergewerkschaft GEW, sagt: "Sicher überfordern manche Eltern ihre Kinder durch die falsche Schulart."

Er warnt aber davor, den Bedarf an Schulsozialarbeit an Gymnasien allein darauf zurückzuführen. Aber das wollen die Schulleiter auch gar nicht. Peter Rosteck etwa beobachtet: "Auch Familienstrukturen haben sich geändert. Es gibt zum Beispiel mehr Alleinerziehende unter den Eltern." Angelika Lahrs, Direktorin des Quickborner Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums, sagt: "Insgesamt hat sich das Leben von Jugendlichen gewandelt. Das schlägt sich in der Schule nieder, hat aber mit Schule nichts zu tun." Mitunter seien es auch hochintelligente und hyperaktive Schüler, die der Betreuung bedürften.

Bertram Rohde zählt ferner Schüler, die Deutsch als Zweitsprache lernen, zu potenziellen Klienten der Schulsozialpädagogen. Und, was den wachsenden Bedarf auch noch erklärt: In den Schulen sei die Bereitschaft gewachsen, sich der Probleme der Schüler anzunehmen. Rohde: "Wo die Wahrnehmung genauer ist und wo mehr gesehen wird, fällt aber auch mehr Arbeit an."

Die ist ablesbar in den Statistiken der Kreisverwaltung in Elmshorn. Im Schuljahr 2008/ 2009 waren an 41 Schulen im Kreis Pinneberg 38 Schulsozialarbeiter mit 22,3 Vollzeitstellen tätig. Jetzt, fast acht Jahre später, sind es 98 Personen mit etwa 55 Vollzeitstellen an 85 Schulen. Sie kosten aktuell gut zwei Millionen Euro im Jahr. Im Unterschied zu Lehrern sind sie aber nicht beim Land beschäftigt, sondern direkt bei den Schulträgern, die auch gut die Hälfte der Kosten tragen müssen. Land und Kreis teilen sich die andere Hälfte.

In diesem Konstrukt liegt begründet, dass die Schulträger – im Falle Wedels ist es die Stadt – sorgsam abwägen, ehe sie zusätzliches Personal einstellen und damit den Haushalt belasten. In Wedel hat der Ausschuss für Bildung, Kultur und Sport nach langer Diskussion beschlossen, dass das Gymnasium befristet 30 weitere Wochenstunden Schulsozialpädagogik bekommen soll.

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