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Geologen suchen das Salz in Quickborns Untergrund

Günther Druivenga von der Firma Geoysm untersucht den Boden in Quickborn

Foto: Mirjam Rüscher / HA

Günther Druivenga von der Firma Geoysm untersucht den Boden in Quickborn

Land nimmt seismische Untersuchungen vor. Messtrupps lassen die Erde vibrieren. Das Ziel: einen Erdfall frühzeitig erkennen zu können.

Quickborn.  Ein surrendes Geräusch, ein Brummen, und dann vibriert der Boden. Es kribbelt in den Füßen. In dem Schlauch mit den 96 Geophonen blinken blaue Lichter auf. ELVIS ist im Einsatz. ELVIS, das ist ein elektrodynamisches Vibrator-System, das derzeit Nacht für Nacht in Quickborn im Einsatz ist. Der geologische Dienst im Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume Schleswig-Holstein (LLUR) führt dort seit dem 24. Juli seismische Messungen durch. "Wir wollen herausfinden, wie die oberflächennahen Untergrundverhältnisse sind", erklärt Andreas Omlin, einziger Geophysiker beim Geologischen Dienst. In 25 Nächten in fünf Wochen sind Mitarbeiter der Firma Geosym aus Hannover in Quickborn im Einsatz, um die Messungen vorzunehmen.

Die Arbeit ist mühsam, jede Störung verlangsamt den Prozess. Die Beeinträchtigungen durch die Messungen sollen für die Bevölkerung möglichst gering ausfallen, daher gibt es immer nur kurzzeitige Einschränkungen für den Verkehr. Am Harksheider Weg rauscht ein Auto nach dem anderen vorbei, ein Bus noch, dann ist es annähernd still, jedenfalls für den Moment. Dass oben am Himmel gerade ein Flugzeug vorbeizieht, müssen die Mitarbeiter hinnehmen. Anderenfalls schaffen sie ihr Pensum nicht. Auch nachts können nicht alle Störsignale ausgeschlossen werden. Selbst die Erschütterung durch Regentropfen beeinflussen das äußerst sensitive Messverfahren.

Meter für Meter arbeiten sie sich vor. Günther Druivenga sitzt auf der Kofferraumkante seines BMW-Kombi unter der geöffneten Heckklappe, hat einen Monitor im Blick und löst ein Signal aus. Unmittelbar fängt ELVIS an zu brummen und sendet ein Signal in die Erde. Damit die Ankopplung an den Untergrund noch besser ist, sitzt einer von Druivengas Mitarbeitern auf dem Schubkarrengestell, an das die Vibratorquelle montiert ist. Das Signal wird von den Schichtgrenzen unter der Oberfläche reflektiert. Anhand der Laufzeit des Signals lässt sich errechnen, in welcher Tiefe sich diese Schichtgrenzen befinden.

In Quickborn reicht Salz bis nah an die Erdoberfläche heran

Unterhalb Schleswig-Holsteins finden sich über weite Flächen Salzstrukturen. "Eigentlich müssen Sie sich vorstellen, dass unter Schleswig-Holstein ein Gebirge aus Salz mit Höhenunterschieden von mehr als 6000 Metern liegt", erklärt Andreas Omlin. Quickborn liegt auf einer dieser Salzstrukturen, die sich in Richtung Süden bis nach Hamburg hinein erstreckt. Das Besondere an ihr ist, dass das Dach dieser Salzstruktur teilweise weniger als 30 Meter unter der Oberfläche liegt. Wenn dieser Bereich lösungsfähiges Gestein enthält, kann es zu Bodensenkungen oder sogenannten Erdfällen führen.

2010 erlebte die Stadt, was ein solcher Erdfall zu bedeuten hat. Im Ortszentrum an der Marienhöhe war der Boden abgesackt. Bis zu 70 Zentimeter tief war die Oberfläche an der Hecke zum Spielplatz auf einer Fläche von etwa 15 mal 25 Metern eingebrochen. Der Spielplatz und Teile des angrenzenden Parkplatzes wurden gesperrt, in zwei Häusern durfte der Fahrstuhl aus Sicherheitsgründen nicht benutzt werden. Geologen und Ingenieure kontrollierten alte Risse in Häusern und Straßen, mehrere Wochen wurde jede kleinste Erdbewegung aufgezeichnet. Und es war nicht das erste Ereignis dieser Art: Durch einen Erdfall entstand vor rund 12.000 Jahren der spätere Prophetensee.

Erdfälle wie der in Quickborn sind kein Einzelfall. Auch in Elmshorn, Münsterdorf und bei Bad Segeberg habe es bereits Fälle gegeben, sagt Andreas Omlin. "Quickborn hat bei unseren Messungen aber oberste Priorität, weil die Salzstruktur komplett im urbanen Raum liegt", erklärt der Geophysiker. Im Idealfall, fügt Omlin an, ließen sich die Erkenntnisse, die derzeit in Quickborn gewonnen werden, auf andere Regionen übertragen.

Das Ziel der Messungen ist es, eine unterirdische Karte der Region zu erstellen. So sollen die Bereiche eingegrenzt werden, die gefährdet sein könnten. Für andere Bereiche kann die Gefahr nahezu ausgeschlossen werden. "Es ist unsere Aufgabe als geologischer Dienst, Grundlagenwissen für Beratung vorzuhalten. Beispielsweise bei Anfragen der Stadt Quickborn, wenn es um Baugenehmigungsverfahren geht", erklärt Omlin.

Bis die Messungen, die noch bis zum 26. August andauern, ausgewertet sind, wird es einige Zeit dauern. "Es ist ein hoch spezialisiertes Verfahren, das können nur ganz wenige", sagt Omlin. Aber er rechnet im Laufe des Jahres noch mit ersten Ergebnisse. Allerdings ist Omlin auch sicher: "Das Thema oberflächennahe Salzstrukturen wird uns noch eine ganze Weile begleiten."

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