Arbeitsrecht

Darf ein Mitarbeiter kurz vor der Rente gekündigt werden?

Wenn Kündigungen anstehen, befürchten viele Beschäftigte, dass es sie selbst treffen könnte.

Foto: filmfoto / Getty Images/iStockphoto

Wenn Kündigungen anstehen, befürchten viele Beschäftigte, dass es sie selbst treffen könnte.

Die Sozialauswahl soll schwache Mitarbeiter schützen. Welchen Status 60-plus-Mitarbeiter haben, erklärt ein Anwalt für Arbeitsrecht.

Rechtsanwalt Dr. Heiko Peter Krenz beantwortet Leserfragen.

Ich gehe in ein paar Jahren in Rente. Jetzt habe ich gelesen, dass ich als Beinahe-Rentner nicht mehr vor einer Kündigung geschützt bin. Ist das tatsächlich so?

Wenn Kündigungen anstehen, befürchten viele Beschäftigte, dass es sie selbst treffen könnte. Das ist verständlich. Doch Arbeitgeber dürfen betriebsbedingte Kündigungen nicht willkürlich aussprechen. Sie müssen vorher eine sogenannte Sozialauswahl vornehmen.

Durch diese spezielle Auswahl soll sichergestellt werden, dass Kollegen entlassen werden, die im Vergleich zu den anderen weniger schutzbedürftig sind. Bei der Auswahl muss der Arbeitgeber vier soziale Kriterien beachten: Betriebszugehörigkeit, Lebensalter, gesetzliche Unterhaltspflichten und Schwerbehinderungen. Junge, kinderlose Mitarbeiter, die noch nicht so lange im Betrieb sind, trifft es daher oft als erste. Ältere Arbeitnehmer mit langer Betriebszugehörigkeit dagegen haben meist gute Chancen, verschont zu bleiben.

Vor Kurzem entschied nun das Bundesarbeitsgericht, dass Arbeitnehmer, die bereits Anspruch auf Regelaltersrente haben, bei der Sozialauswahl im Hinblick auf das Alter weniger schutzbedürftig sind. Wahrscheinlich ist es dieses Urteil, von dem Sie gelesen haben.

Mitarbeiter, die bereits in Rente sein könnten, aber noch arbeiten, dürfen demnach eher gekündigt werden als jüngere Kollegen. Ob diese Rechtsprechung auch für Arbeitnehmer gilt, die erst kurz vor der Rente stehen, wie Sie, wurde nicht beantwortet.

Gefahr: Von Sozialleistungen abhängig werden

Ein Argument spricht jedoch dagegen: Der Grund, warum ältere Arbeitnehmer bei der Sozialauswahl als schutzbedürftiger gelten, liegt darin, dass es für sie schwerer ist, eine neue Stelle zu finden. Die Gefahr, von Sozialleistungen abhängig zu werden, ist damit größer. Das besteht bei Arbeitnehmern, die bereits einen Anspruch auf Altersrente haben, nicht.

Bei Mitarbeitern wie Ihnen, die kurz vor ihrer Rente stehen, ist diese Gefahr jedoch gegeben. Daher sollte für Sie alles beim Alten bleiben. Mit einer (wirksamen) Kündigung müssen Sie nicht rechnen.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Abendblatt Digital

Testen Sie jetzt 2 Wochen gratis das digitale Hamburger Abendblatt!